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There will be no Revolution if it is not twitched.

„Eine Revolution im eigentlichen Sinne? Der schnelle und weitreichende Umsturz bestehender Verhältnisse als Reaktion auf akute Missstände, ausgelöst durch eine Speerspitze mit neuer Vision, der es gelingt, eine breite Bevölkerung, die sogenannte „revolutionäre Masse“, dafür zu mobilisieren.“

Willkommen zurück. „Eine Speerspitze mit neuer Vision“ soll es jetzt also wieder richten. Wohin das führen kann haben Lenin und Robespierre uns anschaulich vor Augen geführt. Und wie soll das in einer rechtsstaatlichen Demokratie laufen? Aber einen Schritt zurück, hier geht es ja nicht um „echte Revolutionen“, sondern mal wieder um die Videospiel-Szene.  ZeitOnline hat den (ursprünglich im Nischenmagazin „WASD“ erschienenen) Artikel „The revolution won’t be twitched“ veröffentlicht. Wie es sich für einen „WASD“-Artikel gehört, geht es darin aber erst Mal nicht um Videospiele, sondern es wird Absätze lang über vergangene Revolutionen „philosophiert“. Interessanterweise sieht Autor Wederhake die französische Revolution im Lichte Voltaires und nicht in der Finsternis der brutalen Unterdrückung, die ihr folgte. Daher wahrscheinlich die romantische aber fatale Idee von den besseren Menschen als Speerspitze.

Irgendwann geht es dann auch um Videospiele.

„Das revolutionäre Potenzial liegt wohl eher im Kleinen, wo die Weltsicht einer möglichen Speerspitze geprägt wird. Papers, Please wurde nur von einem verschwindend geringen Prozentsatz der Käufer des neuesten Call of Duty gespielt. Aber wenn es – und andere kleinere Spiele mit sozialem oder gesellschaftspolitischem Ansatz – zum Reflektieren anregt, dann besteht die Chance, dass solche Spiele sich zu gesellschaftlicher Veränderung in einer ähnlichen Position befinden wie Voltaires Texte 200 Jahre zuvor.“

Und gleich werden potemkinsche Dörfer errichtet. Was für eine Aussagekraft hat diese Gegenüberstellung von zwei Titeln? Sollte man nicht lieber erklären, dass „Papers Please“ ein Überraschungshit war und auch unter jenen, die nicht einer „visionären Speerspitze“ angehören, jede Menge begeisterte Käufer gefunden hat? Dass es ein Musterbeispiel dafür ist, wie Spieler sich für fast jede Plot-Idee begeistern können, wenn man ihnen ein fesselndes Spiel bietet? Nein, man stellt „Papers Please“ einem geradlinigen Shooter gegenüber und vergleicht es noch flugs mit Voltaire. Hat der Autor wirklich erwartet, dass die Avantgarde dieses Mal ein Massenphänomen wird? Warum muss der Bereich „zeitgenössische Kunst“ im staatlichen Kulturbetrieb mit Millionen bezuschusst werden? Genau, weil das Meiste viel weniger Leute interessiert, als Hollywood oder Popmusik und gleichzeitig viel weniger Öffentlichkeit dafür besteht als für kommerzielles Kunsthandwerk. Genau so erklärt sich die Diskrepanz, nicht durch die Wirkung von „CoD“ oder „Papers, Please“. Viele Spieler haben letzteres für seine spielerischen Werte geliebt und die politische Satire genossen, aber ich wage zu vermuten, dass Spiele Menschen genau so wenig zum Revolutionär machen, wie zum Amokläufer.

„Wenn Spiele in der Breite eine Gesellschaft repräsentieren, in der weiß, männlich und heterosexuell nicht Standard, sondern nur eine vieler möglicher Kombinationen ist, dann wäre das ein reformerischer Erfolg.“

„Publisher waren Kritik von progressiver Seite gewöhnt“

Björn Wederhake scheint nicht so oft Videospiele zu spielen, sonst wäre ihm aufgefallen, dass viele Spiele inzwischen regelrechte Identitätsbaukästen enthalten. Oder das große Entwickler inzwischen in vielen Franchises Frauen, Homosexuelle und Menschen von Farbe gezielt einsetzen, um den Vorwürfen (und dem Hass) der „visionären Speerspitze“ zu entgehen. Das zweite Zitat umschreibt sehr blumig,  dass wegen eines zu knappen Kostüms oder einer zu kecken Pose organisierte Shitstorms gegen große Publisher gefahren wurden, frei nach dem Motto: „Schönes Spiel haben Sie da, wäre doch schade, wenn dem Sexismus zustößt“?

Würde er unvoreingenommen denken, wäre ihm eventuell klar geworden, dass zumindest männlich und heterosexuell zahlenmäßig große Gruppen darstellen und das es statistisch durchaus wahrscheinlich ist, dass Kulturschaffende dementsprechend häufig in einer dieser Gruppen zu finden sind. Wer will sie zwingen, nicht mit den eigenen Erfahrungen zu arbeiten? Wer will einer lesbischen japanischen Entwicklerin vorschreiben, dass in ihrem Spiel bisexuelle Latinos vorkommen müssen? Brauchen wir Quoten? Was soll dieser Angriff auf die Kunstfreiheit im Mäntelchen einer „Reform“?

Welchen inhärenten Wert hat ein „reformerischer Erfolg“? Erinnert sich noch jemand an die letzte Währungsreform? An Rentenreformen? Reformen im Niedriglohnsektor? Die Erfahrung lehrt: Eine Reform begünstigt vor allem jene, die sie fordern und deren Freunde.  Auch in Deutschland sind „Spielejournalisten“, Blogger und Independent-Entwickler ausgezeichnet vernetzt. Sie alle eint ein Traum: Mehr finanzielle Wertschätzung ihrer „visionären Ideen“, mehr Werbung für ihre Projekte, mehr staatlich geförderter Netzkultur-Bullshit für ihr Ego. Das die Zeit sich für diese Propaganda in eigener Sache als Plattform andient, macht es nicht appetitlicher.

„Dies würde unaufdringlich den Blick der Spieler auf die Realität beeinflussen und diese Idee normalisieren.“

Ich gehöre ja zu der Sorte Mensch, die nicht möchte, dass gesellschaftliche Organe meine Hobbys missbrauchen, um erwachsene Menschen zu erziehen. Erinnert sich eigentlich noch jemand an die DDR? Man könnte in Filmen auch bei jedem hundertsten Frame kurz Schrifttafeln mit „Organisierte Liebe“ oder „Zivilgesellschaft“ einblenden! Oder Bücher für Kinder umschreiben damit sie heutigen überzogenen Maßstäben politischer Korrektheit entsprechen und den Kindern nichts mehr über böse Dinge in der Vergangenheit beibringen…äh…Moment…

„Auf diesen Zustand versuchte in den letzten Jahren eine Speerspitze hinzuarbeiten, die sich der oft fehlenden Diversität in Videospielen durchaus bewusst war. Artikel auf Rock, Paper, Shotgun oder Kotaku oder der Kickstarter Tropes vs Women in Video Games von Anita Sarkeesian versuchten, diese Problematik ins Zentrum zu verschieben. Sie sollte im Bewusstsein der Spielenden verankert werden, die dann als Masse mithelfen würden, das Medium zu erweitern. Idee: Revolution in der Spieleszene statt Videospiele für die Revolution.“

Und genau hier hat das Problem angefangen: Propaganda stinkt. Die riecht man sofort, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Ich war vor den Geschehnissen um #GamerGate lange Leser von „Rock, Paper, Shotgun“ aber es war genau dieses selbstgerechte Auftreten und diese Unverfrorenheit, mit der man hier ein öffentliches soziales Experiment an einer lebendigen Kultursparte durchführen wollte, die ich dann in den „Gamers are Dead“-Artikeln wiedergefunden habe. Dazu kommt der „Offene Brief an die Spielemedien“, den die transsexuelle Aktivistin Samantha Allen („Ich bin eine Männerhasserin!“) schon 2013, ein Jahr vor dem Erscheinen des Zoeposts, geschrieben hat. Darin fordert sie Folgendes:

„Tu es! Verärgere Sie [die „Gamer“]! Geh das Risiko ein! Triff jetzt die Entscheidung, dass sie deine Zeit nicht wert sind und dass die Einnahmen aus den Werbeanzeigen, die sie bringen die vergiftete Atmosphäre nicht wert sind, die sie auf euren Webseiten schaffen. Sie sind es nicht wert, einen Ruf als unsicheren Ort für alle Menschen zu haben, die keine heterosexuellen Männer sind.“

Samantha Allen

Und die „SpieleMedien“ beschlossen, dass es eine gute Idee sei, die Hand zu beißen, die einen füttert (auch wieder so ein Punkt: Revolutionäre können oft nicht gut mit Geld umgehen). Mir war klar, dass ich hier einen beispiellosen Vorgang beobachtete: Akademiker, Aktivisten und „Journalisten“ verbündeten sich gegen eine weltumspannende Gemeinschaft von Spielern. Schön separiert nach Sexualität und Geschlecht. Später im „Diskurs“ um #GamerGate sollte mit „weiß“ dann ja auch noch eine Hautfarbe ins Hass-Rampenlicht treten. Bei aller Liebe zu Toleranz und Harmonie, aber ein kulturelles Gut – welches allen Menschen offen steht – als U-Boot für die eigene Ideologie kapern zu wollen, merkt ihr eigentlich wie abstoßend sowas auf einen Demokraten wirken muss?

Mal ganz abgesehen davon, dass eine Person, die „Männer hasst“ in so einem Diskurs so viel zu suchen hat, wie Luther in einer Synagoge.  Wir haben es also mit einem abgekarteten Spiel zu tun, #GamerGate war nur die Initialzündung, die Startvorbereitungen für die „progressive“ Rakete waren schon abgeschlossen, man hat nur auf die richtige Gelegenheit gewartet. Wie würde der geneigte Leser reagieren, wenn ihm jemand auf ein Mal vorschreiben will, welche Würstchen er grillen darf und welche Getränke dazu gereicht werden dürfen? Gäbe es Gegenwehr? Unflätige Bemerkungen? Oder würde man in den sauren Tofu beißen?

„Eine Gruppe, die sich relativ starr an den Status quo klammerte und ihr Hobby in seiner bisherigen Ausformung bedroht sah, reagierte unter der Behauptung, nur für „ethische Standards im Spielejournalismus“ einzutreten. Die genauen Entstehungsbedingungen der Gamergate-Kontroverse sprengen den Rahmen, aber Angst vor Identitätsverlust, traditionelle Rollen- und Gesellschaftsbilder und sicher auch das polternde Auftreten einiger Vertreter der Gegenseite sind ebenso daran beteiligt.“

Hier verlinkt der Autor zum englischen Wikipedia Artikel. Dieser Artikel ist keine neutrale Quelle zu #GamerGate. Jeder kann sich auf der Diskussionsseite des Eintrags anschauen, welche Schlachten hier zwischen den einzelnen Autoren ausgefochten wurden. Am Ende war jeder Einfluss, der #GamerGate auch nur ansatzweise legitimierte, aus dem Artikel getilgt. In der vorliegenden Form besteht er größtenteils aus abgeschriebenen Behauptungen der „Journalisten“ und Blogger, die von Anfang an in dieses merkwürdige Erziehungsexperiment einbezogen waren.

Angst vor Identitätsverlust ist auch so ein Fall: Kaum jemand, der #GamerGate unterstützt hat wird dieses Motiv nennen, wenn man ihn fragt. Im Gegenteil, 99% würden wahrscheinlich antworten, dass es ihre Bereitschaft, sich mit ihrem Hobby zu identifizieren eher erhöht hat. Dann wäre da noch das mit dem „ethischen Standards im Spielejournalismus“. Informiert man sich ein wenig, kann man herausfinden, dass nicht nur einige Spiele-Websites im Verlauf der Kontroverse ihre Ethik-Regeln angepasst haben, das der amerikanische Verbraucherschutz FTC die investigative Arbeit von #GamerGate gewürdigt hat und das Vertreter der Society of Professional Journalists in, von den Unterstützern der Konsumentenrevolte vorgelegten Fällen, durchaus Verstöße gegen Ethikregeln gefunden haben.  Worauf deutet das hin, Herr Journalist? „Hassgruppe“ oder engagierte Konsumenten? Was denkt der geneigte Leser?

„Die visuelle Normalisierung einer hypersexualisierten Figur wie Lara Croft oder der Umstand, dass ein Nischentitel wie Dead or Alive Xtreme 3 nicht in den USA erscheinen würde, reichten in dem Klima als Beweis, dass die Social Justice Warriors die Meinungsfreiheit beschneiden. Begriffe wie „Kulturmarxismus“ oder selbst Vergleiche mit Mao Zedongs mörderischer Kulturrevolution waren schnell an der Hand.“

Einen ironiefreien Tweet unter #GamerGate, Herr Wederhake. Einen möchte ich sehen, der sich beschwert, man habe Lara Croft desexualisiert. Es gibt neben DoA X3 noch genug andere Kontroversen, die man hätte anführen können, warum dann die Lara Croft-Story erfinden? Weil die Figur jeder kennt? Fakt ist: Der Großteil der Spieler, die #GamerGate unterstützt haben, hat nicht ein einziges Problem mit starken Frauen in Videospielen. Die feiern ihre weiblichen Helden genau wie die männlichen. Findet man heraus, wenn man mit Ihnen spricht, oder Leuten wie Brad Glasgow zuhört, die genau das getan haben. Oder man glaubt all die Horrormärchen der Kollegen aus den USA und dem UK, da muss man für die Recherche auch nicht so viel nachdenken. Wie der Björn.

„Der direkte Konflikt scheint derzeit erstarrt und viele Spielende ignorieren, dass Subreddits wie KotakuInAction und GamerGhazi ihren kalten Krieg immer noch austragen. Aufgrund seiner diffusen Grenzen und amorphen Struktur ist es schwer zu sagen, ob Gamergate eine Massenbewegung ist, wie einige seiner Anhänger versichern.“

Die erwähnten Subreddits befinden sich also im „kalten Krieg“, was sagen denn die Zahlen über den Verlauf der Schlacht? KotakuInAction: 81.000 Abonnenten, 1200 online. GamerGhazi: 13000 Abos, 250 online. Ist das wieder so eine „visionäre Speerspitzen“ Geschichte bei GamerGhazi?  Sind 81.000 Menschen eine Massenbewegung? Am Anfang der Auseinandersetzung wurde versucht zu etablieren, hinter #GamerGate würden nur höchstens 300 weiße, heterosexuelle Männer mit Sockenpuppen-Accounts stecken. Bis sich Frauen, Homosexuelle und Menschen von Farbe unter den Unterstützern genötigt sahen, Fotos von sich mit dem Hashtag #notyourshield auf Twitter zu posten. Unter dem Hashtag #GamerGate wurden hohe Summen für diverse wohltätige Zwecke aufgebracht. Wer hat die gespendet, wenn #GamerGate keine Massenbewegung ist, wie einige Journalistendarsteller behaupten?

„Während die Spieleszene trotz alledem schon qua gesellschaftlicher Realität diverser wird, ist der vermeintlich revolutionäre Versuch, die Branche schnell zu verändern, für den Moment daran gescheitert, dass die Speerspitze ein breites Segment der Szene falsch eingeschätzt hat.“

Die gesellschaftliche Realität sagt mir, dass Kultur regional ist und dass sie in den westlich orientierten Ländern sehr gut zu dem in dort produzierten Spielen dargestellten Bild passt. Es dominieren in vielen Fällen Menschen von weißer Hautfarbe, mit heterosexuellen Neigungen die in der Hälfte der Fälle Männer sind. Die Zahl der Männer steigt sprunghaft an, sobald es in der Realität um etwas gefährliches geht (Soldaten, Minenarbeiter, etc.), warum sollte das in Spielen anders sein? Um erwachsene Menschen zu indoktrinieren? Sind soziale Experimente von solchem Umfang wirklich nicht genehmigungspflichtig?

„Man erkannte zwar, dass Videospiele noch oft in einer Form reaktionär sind, die zum Beispiel im Medium Film seit Cobra oder Red Scorpion nur noch selten gesehen wurde: Der Standard im Mainstream der Videospiele bleibt der weiße Mann, der mit Waffengewalt – meist ohne psychologische Folgen oder ohne Kollateralschäden – den Frieden bringt oder die Ordnung rettet. Das bedeutet meist: Er stellt den Status quo wieder her. Dass dabei andere Ethnien selten die Hauptrolle spielen, aber immer noch regelmäßig als gesichtsloses Kanonenfutter dienen, als Bedrohung „unserer Lebensart“, unterstreicht diesen Eindruck.“

Die Zahlen zu den Verkäufen in Deutschland im Jahr 2015 passen nicht ganz zu den Beobachtungen des Autors. Da wäre  FIFA 2016 – mit Frauenmannschaften, Fallout 4 und SW Battlefront mit „Charakter-Baukästen“, Pokemon, CoD Black Ops 3  und Assassin’s Creed Syndicate mit beiden Geschlechtern, bei GTA V ist einer der 3 Protagonisten schwarz. Bleiben „The Witcher 3“ und „Need for Speed“, aber nur in einem der beiden rettet ein weißer Mann mit Waffe die Welt. Hier wird ein Bewusstsein für ein Problem geschaffen, das niemand hat. Über das man aber wunderbar bloggen kann und mit dem man bei der re:publica der coolste Ally ist.

„In der Verbindung zwischen den Machern von Call of Duty und dem Pentagon erkennen nicht nur Zyniker propagandistische Absichten des militärisch-kulturindustriellen Komplexes.“

Diese Verschwörungstheorie erklärt einiges, aber nicht, warum Call of Duty von Anfang an Antikriegs-Zitate unter die Nachrichten gemischt hat, die man beim virtuellen Ableben vor sich sieht. Wäre das dem Pentagon nicht irgendwann aufgefallen? Und nachdem man zwei oder drei Absätze vorher über „Kulturmarxismus“ den Kopf geschüttelt hat, will man sich bei „militärisch-kulturindustrieller Komplex“ mit der flachen Hand vor den selbigen schlagen. Aber das nur am Rande.

Tyrants have always some slight shade of virtue; they support the laws before destroying them.„— Voltaire

The real and lasting victories are those of peace, and not of war.„— Ralph Waldo Emmerson

Anyone, who truly wants to go to war, has truly never been there before!„— Larry Reeves

„Videospiele haben eine Schlüsselrolle. Kaum ein Medium spricht Kinder und Jugendliche so an wie Videospiele und die darin vorherrschende Normalität formt auch, wie viele Konsumenten die Realität wahrnehmen. Und das erklärt dann vermutlich auch, wie einige Allianzen mit Personen oder Websites zustande kamen, die sich bis dato nicht eben durch vertiefte Videospielthematik ausgezeichnet hatten.“

Und weil wir gerne schon den Kleinsten ohne Auftrag der Eltern unsere ideologischen Botschaften ins Hirn pusten wollen, haben alle Mitglieder der „Visionären Speerspitze e.V.“ noch ihre Kumpels in den Medien angerufen, die dann brav alles geglaubt und wiederholt haben, was ihnen erzählt wurde. Ich wundere mich ja schon länger nicht mehr über den Vertrauensverlust der Medien.

„So ist auch das kein Zufall, dass man auf KotakuInAction, eine zentrale Anlaufstelle für Gamergate, mit jeder weiteren Woche weniger über Videospiele spricht, aber zunehmend darüber, wie man die erzreaktionäre Politik Donald Trumps und seinen Kampf gegen die „Mainstreammedien“ unterstützen kann. Auch Ideen der Alt-Right finden hier zunehmend Raum. Das Argument ist, dass Gamergate immer noch das gleiche Ziel verfolge, sich aber der Fokus verschoben habe: Statt für ethisches Verhalten im Spielejournalismus kämpfe man nun für ethisches Verhalten im Journalismus an sich. Die alternative Betrachtung: Nachdem man gegen sozialrevolutionäre Tendenzen im Videospiel gestritten hat, verlagert man dieses Verhalten nun auf die größere Realität.“

Jeder links Eingestellte in Deutschland, der dem Betrieb schon so lange zuschaut, wie ich, wird wissen, wie es genervt hat, wenn man mit den Verbrechern der RAF in einen Topf geworfen gewurde, nur weil man für eine gerechtere Verteilung des Reichtums eintrat und die das auch in ihren Manifesten stehen hatten. Jetzt bedient sich die „Neue Linke“ der gleichen Methoden gegen Andersdenkende. Ja, es gibt unter #GamerGate-Unterstützern auch Trump-Wähler! Sind sie die Mehrheit? Brad Glasgows Umfrage scheint das Gegenteil auszusagen. Ja, es gibt eine Schnittmenge zwischen Themen, zu den sich die Alt-Right äußert und denen, die KotakuInAction diskutiert – aber macht es Mißstände irrelevant, wenn „schlechte Menschen“ auf sie hinweisen? Nein. Und genau so wenig macht es Menschen, die sich mit den gleichen Themen beschäftigen zu deren Unterstützern.

„Beide Seiten wissen um das erwähnte Potenzial, das Videospiele haben. Auch wenn von ihnen in absehbarer Zeit keine Revolution ausgeht, so bleibt doch ihr transformatives Potenzial: entweder reformerisch zu einer diverseren Gesellschaft oder reaktionär zur Erhaltung des Status quo, wenn nicht sogar restaurativ beim Zurückrollen bereits erreichter Entwicklungen. Wenn man Gamergate tatsächlich als die erste Massenbewegung sieht, die aus dem Feld der Videospiele hervorgegangen ist, dann kann man eigentlich froh darüber sein, dass Electronic Arts die Spieler am Controller hält, statt sie zu Fackeln und Mistgabeln greifen zu lassen. Die Revolution, die von der noch vorherrschenden Art an AAA-Spielen und diesem Teil der Spieler ausgehen würde, hat selbst in der politisch bereits deprimierenden Gegenwart noch das Potenzial, dystopisch anzumuten.“

Oder wir machen einfach alle das, wozu wir Lust haben. Die Gamer spielen weiterhin Videospiele. Die Träumer und die Journalisten träumen weiter von einer Revolution, die ihren Minderheitengeschmack samt Ideologie an die Spitze der Gesellschaftscharts spült. Wär nur besser für alle Beteiligten, wenn wir das mit dem Social Engineering in Deutschland weglassen könnten. Abgeschriebene Halbwahrheiten, „Journalismus mit Haltung“ aka Propaganda und Critical-Race-Theorie werden hier und heute auf den gleichen Widerstand stoßen, der die „Speerspitze der Revolution“ auch 2014/15 in den englischsprachigen Ländern weggelacht hat.

Ja, es mag Björn traurig stimmen, aber der Mainstream ist und bleibt der Mainstream. Außer dem ein oder anderen Indie-Hit besteht einfach keine nennenswerte Käuferschicht für „Serious Games“, Non-Games und den ganzen anderen Kram, den Ihr so toll findet. Deswegen tingelt eure Sorte  auch von Netzkonferenz zu Netzonferenz (alle staatlich gefördert, versteht sich), klopft sich da gegenseitig auf die Schulter und simuliert so Publikumsinteresse. Da halten Euresgleichen dann Vorträge über Hass im Netz, schimpfen über die „Trolle“ und die „Nazis“ und verkennen dabei, dass es außerhalb des Club Mate-Elfenbeinturms noch jede Menge andere Menschen mit null Interesse an „kulturellen Revolutionen“ gibt. Tip: Es war nie die „visionäre Elite“ (oder jene, die sich dafür gehalten haben), es war immer der Aufstand des Volkes außerhalb der Salons, der die Wende gebracht hat. Und Vielen von denen da draußen geht euer immer gleiches, faktenfreies Gejammer gehörig auf die Nüsse.

Medien erklären #GamerGate Kritiker zum Terroristen

Die Anschläge vom 13. November hinterlassen viele Pariser verzweifelt und ratlos. Zu verstehen, warum diese Tragödie passierte, ist ein wichtiger Bestandteil davon sie zu verarbeiten. Nach wie vor versucht die Welt, sich aus den wenigen Informationen, die momentan zur Verfügung stehen, ein Bild zusammenzusetzen.

Darum überrascht es auch kaum, das Falschmeldungen bereits im Vorfeld der Berichterstattung in den sozialen Medien kursierten. So wurde zum Beispiel auf Twitter das Bild des brennenden „Jungle“ Flüchtlingscamps in Calais mit der Behauptung geteilt, wütende Brandstifter hätten  womöglich die Zelte angezündet. In  Artikeln war die Rede von spontanen Vergeltungsmaßnahmen. Die tatsächliche Ursache bestand allerdings in einer Gasexplosion, durch die nahestehende Unterkünfte Feuer fingen.

Tweet Calais Feuer

Quelle: Twitter

Auch Mitarbeiter des italienischen Nachrichtensender Sky TG24 verbreiteten falsche Informationen. Diese teilten auf Twitter eine Mitteilung der pro-ISIS eingestellten Khilafah News, welche ein Bild enthielt, das einen der Attentäter von Paris zeigen sollte. Die spanische Zeitschrift La Razón druckte daraufhin das Foto auf ihre Titelseite.

Titelseite La Razón

Quelle: Twitter

Nur zeigte die Aufnahme eines bärtigen Mannes mit Sprengstoffgürtel keineswegs ein dem islamischen Staat nahestehendes Mitglied, sondern ein digital bearbeitetes Foto des freiberuflichen Journalisten Veerender Jubbal. Dieser geriet bereits in der Vergangenheit in den Fokus von Kritikern, als er mit kontroversen Aussagen bezüglich Rassismus und Sexismus auffiel. Internettrolle einer dritten Partei fertigten daraufhin das Bild an und teilten es in sozialen Netzwerken. Dort wurde es dann von Nachrichtenseiten aufgegriffen und ohne weiteres Nachprüfen hunderte Male geteilt bis Jubbal selbst aufklären musste, dass es sich nur um die veränderte Version eines seiner Bilder handelte.

Quelle: granadadigital.es

Quelle: granadadigital.es

Bis jetzt ist unklar, wer das bearbeitete Foto, welches bereits seit August im Internet zirkuliert, Khilafah News zukommen ließ. #GamerGate Gegner Arthur Chu behauptet in einem Artikel auf Daily Beast, Jubbal hätte den Zorn von Videospielern auf sich gezogen, als dieser sich kritisch zur Darstellung von Minderheiten in Unterhaltungsmedien äußerte. Als Rache hätte man daraufhin versucht, mit dem Bild seinem Ruf zu schaden. Und Buzzfeed beschuldigte sogar ganz direkt die Befürworter von #GamerGate.

Ob die Urheber des Bildes tatsächlich #GamerGate Unterstützer sind, ist allerdings mehr als fraglich. Ihre Kommentare beweisen jedenfalls etwas ganz Anderes. Wahrscheinlich ist hier, dass mithilfe der Medien zwei Parteien mit verschiedenen Ansichten gegeneinander ausgespielt wurden.

Blacktric über GamerGate

Quelle: tweetsave.com

Schon im April täuschten Unbekannte erfolgreich die Mitarbeiter des Medienportals Buzzfeed. Damals schrieben sie, dass rassistische Gamer auf Twitter unter dem Hashtag #baltimorelootcrew als afroamerikanische Plünderer posierten, welche mit erbeuteten Gegenständen angaben, um zu provozieren. Die Gruppierung gab es jedoch nicht und der Artikel wurde mit einem Disclaimer versehen.

Auch im Falle Veerender Jubbals hatte man auf der Jagd nach Schlagzeilen vergessen, die Fakten zu überprüfen und diese Hexenjagd dadurch erst möglich gemacht. Den Titel des Buzzfeed-Artikels hat man im Nachhinein noch schnell geändert. Ein weiteres Indiz dafür, dass man hier vorschnell handelte.

Ein faires Interview zu #GamerGate

Heute kann mir der geneigte Leser zur Abwechslung mal sein Ohr schenken: Old Gamer, der Host des wöchentlichen #GamerGate-Streams und ich waren eingeladen, um mit dem Games-Enthusiasten Rainer Schauder über #GamerGate und das letzte Jahr zu plaudern. Anhören kann man sich das Ganze hier, viel Spaß damit.

Leider kam es direkt nach der Veröffentlichung des Interviews zu hasserfüllten (s. Titelbild) Äußerungen gegen Rainer Schauder. Wer so engstirnig ist, dass er Sätze wie „Gamergater gehören kategorisch ausgegrenzt. Deren Weltbild & Methoden ist [sic!] abscheulich“ ernst meint, der sollte mal über sein Demokratieverständnis nachdenken und die Verhältnismäßigkeit seiner Äußerungen überprüfen.

 

 

Mutiger Journalismus sieht anders aus

Der Freitag ist, nach eigener Aussage, ein Wochenmagazin das für „mutigen, unabhängigen Journalismus“ steht und „über Kultur anders berichtet, als die übrigen Medien“. Warum zum Teufel drucken die Herausgeber dann einen Guardian-Artikel von Jessica Valenti zum Thema Anita Sarkeesian nach, anstatt mutig und unabhängig selbst zu recherchieren? Wenn der „andere Journalismus“ nichts weiter als die Übersetzung von stark ideologisch gefärbten Artikeln aus der Weltpresse ist, dann ist Buzzfeed wahrscheinlich die Speerspitze dieser Bewegung. Eine Berichterstattung, die für sich selber in Anspruch nimmt, sich von der herkömmlichen Presse abzuheben, stellt sich mit der unkritischen Übernahme von halbwahren Behauptungen ein Armutszeugnis aus.

Der Artikel mit dem Titel „Auf dem härtesten Level“ stammt wie gesagt von Jessica Valenti, einer radikalen Feministin und Autorin aus Amerika. Da der Freitag sich offen als „Meinungsmedium“ bezeichnet, ist die Frage nach journalistischer Objektivität an dieser Stelle wohl sinnlos. Das Frau Valenti aber offensichtlich selber nicht so genau weiß, was sie will, hätte der Redaktion des Freitag nach der Lektüre der Artikel „Das Ende von Flüstern, Pfeifen und Starren: Wir wollen ohne Angst auf die Straße gehen“ und „Männer pfeifen mir nicht mehr hinterher. Ich hasse es, das unsere Kultur mich das vermissen lässt“ aber klar werden können. Wahrscheinlich haben sie den zweiten Artikel erst gelesen, nachdem Valenti ihn hektisch in „Vorteile des Älterwerdens: Weniger Hinterhergepfeife“ umbenannt hat, weil ihr aufgefallen war, wie heuchlerisch der erste Artikel nach dem Erscheinen des Zweiten klang. Und natürlich ist es die „herrschende Kultur“, die es Valenti unmöglich macht, das Hinteherpfeifen nicht zu vermissen und nicht ihr eigenes Geltungbedürfnis. Weitere Hinweise auf Jessica Valentis Mangel an Realitätssinn lassen sich problemlos in ihrem Twitterfeed finden: Da bezeichnet sie einen Passanten in der U-Bahn als „passiv sexistisch“, weil sie beim Mitlesen seines Twitterfeeds feststellt, dass er zu wenig Frauen folgt. Oder sie stellt noch am Tag des Amoklaufs fest, der Attentäter von Charleston spreche die Sprache des „weißen Patriarchats“ – eine abstoßende Verbindung zwischen einer Tragödie und ihren Verschwörungstheorien.

Insgesamt hätte der Freitag also wissen können, dass bei Valenti außer Propaganda nichts zu holen ist. Was uns zu der Frage bringt, ob dem Freitag beim Thema Sarkeesian überhaupt um eine sachliche Darstellung ging, oder ob er sich auf die uniforme Sicht der Medien zurückzieht: Frauen gut, Spieler böse. Nicht wirklich eine „andere Berichterstattung als in den üblichen Medien“.  Wenn die Leitung des Freitag kein Problem damit hat, nur von Parteigängern ihrer Gesinnung gelesen zu werden, habe ich kein Problem damit, wenn hier tendenzieller Journalismus gemacht wird. Aber die Fakten sollten schon passen, auch in einem Artikel, den man nur übersetzt hat.

„Und nach #GamerGate wurde es sogar noch schwerer. Das war ein Twitter-Hashtag, der sich zu einer Online-Bewegung entwickelte, die den Anschein erweckte, es gehe ihr um journalistische Ethik, die aber in Wirklichkeit zum Ziel hatte, Frauen wie Sarkeesian anzugreifen und zu terrorisieren.“

Quelle: Der Freitag

Wow, Freitag. Und Greenpeace ist eine Organisation von Ökoterroristen, die den Anschein erweckt, es gehe ihr um Wale, die aber in Wirklichkeit zu Ziel hat, Firmen wie BP und Exxon zu terrorisieren, richtig? Wo sind die Quellen, die diese Behauptung belegen? Was ist bloß mit eurer journalistischen Integrität passiert?

Valenti schreibt, Sarkeesian sei mit der Berichterstattung der Medien zu #GamerGate unzufrieden gewesen, man habe die Konsumentenrevolte verniedlicht, in dem man von Trollen und Hatern gesprochen habe. Abgesehen davon, dass wir hier einen Fall haben, in dem offensichtlich keine der beiden Seiten mit der Berichterstattung der Presse zufrieden ist, ist es schon lustig mit anzusehen, wie jemand, der kein Problem damit hat, die halbe Weltbevölkerung auf Twitter „toxisch“ zu nennen und für Amokläufe verantwortlich zu machen, sich hinterher über die Tatsache beschwert, dass es für eine so halt- und geschmacklose Äußerung Gegenwind gibt. Und das diese Antwort härter ausfällt, wenn der Betreffende nicht diskutiert, sondern von oben herab predigt, sollte auch jedem denkenden Menschen klar sein.

„[Zoe Quinn] bekam Vergewaltigungs- und Morddrohungen, ihre Accounts wurden gehackt, ihre Adresse, ihre Telefonnummer und sogar ein paar Nacktfotos wurden veröffentlicht, so dass sie schließlich untertauchen musste.“

Quelle: Der Freitag

Eine weitere Fuhre unbelegter Behauptungen, die der Freitag nachdruckt, als wären es Tatsachen. Das Quinn Drohungen erhalten hat ist sicher wahr und zutiefst abstoßend. Das sie gedoxxt wurde, ist wahrscheinlich, allerdings hat sie auch Doxxing-Kampagnen gegen Andersdenkende wie den Anwalt Mike Cernowich unterstützt.  Die „aufgetauchten“ Nacktfotos stammen aus einem kommerziellen Fotoshooting und waren (Zahlung vorausgesetzt) legal erhältlich – Valenti erweckt hier wissentlich den Anschein von „Revenge Porn“, obwohl sie es besser wissen sollte. Und schließlich die größte Legende von allen: Sie musste untertauchen. Was geneigte Leser schon wissen, der Freitag aber wohl übersehen hat: Ihre „Flucht“ war ein lange geplanter Urlaub in Europa.

Dann folgen eigentlich nur noch Zitate, die Sarkeesians Sicht auf #GamerGate beschreiben: Der Mob habe schon vor dem Hashtag existiert, sein Ziel sei es Frauen zum Schweigen zu bringen und zu denunzieren (womit sie wahrscheinlich die Videos über ihre unrühmliche Vergangenheit im Telemarketing meint). Wenn „Männer“ Videos über sie machten, gehe sie nicht darauf ein, um deren Wirkung nicht zu verstärken – in der Realität geht sie auch nicht auf ihre weiblichen Kritiker ein und unterbindet Diskussionen über ihre Theorien wo sie nur kann. Im Restaurant sitze sie nur noch mit dem Rücken zum Fenster um nicht erkannt zu werden und in New York habe sie in den in Taschen vergrabenen Händen eines Fremden ein Messer vermutet, diese Anzeichen von Verfolgungswahn lassen mich fast schon Mitleid mit ihr haben, aber dann fällt mir wieder ein, dass ihr ganzes Theoriegebäude auf Paranoia gebaut ist.

Und mir wurde klar: Jetzt weiß ich, wie die Welt funktioniert. Und jetzt weiß ich, wie ich sie verändern kann.

Anita Sarkeesian

Bei soviel Bescheidenheit fehlen mir glatt die Worte. Aber auf der anderen Seite wird jetzt auch klar, warum sie glaubt, an ihrem Wesen solle die Welt genesen. Selbstüberschätzung, dein Name ist Anita. Und Jessica. Und „der Freitag“. Euer Journalismus ist genauso faul und tendenziös wie bei den Mainstream-Medien, keine Spur von Andersartigkeit, Unabhängigkeit oder gar Mut.

 

 

 

 

Was haben diese Leute gegen Brüste?

Metal Gear Ernest

Obwohl es an Metal Gear Solid V einiges zu kritisieren gibt, darunter offenbar ein dem Schere zum Opfer gefallenes „echtes“ Ende, das nur für die Käufer einer Spezialedition verfügbar sein sollte (ist inzwischen natürlich im Netz gelandet, VORSICHT: Spoiler) , scheint sich die Kritik auf einen ungewöhnlichen Bereich zu konzentrieren: Den Oberkörper der Scharfschützin Quiet. Nachdem uns Polygon letzte Woche schon belehrt hat, dass Mad Max nicht mehr als fünf von zehn Punkten verdient, weil es nicht Imperator Furiosa heißt, wird jetzt die nächste Sexismus-Sau, pardon, das nächste genderneutrale Sexismus-Schweinx, durchs Dorf getrieben.

Neben einer Flut von Artikeln, in denen die weichen Brüste der Quiet-Action-Figur gefühlt dreimal so viel Raum einnehmen (kicher) wie Inhalt, der sich mit dem Spiel befasst, erreichen uns auch immer mehr persönliche Stellungnahmen zum Thema „Brüste“ von Leuten, die – nach eigener Aussage – nicht vorhaben, „irgendwem seine Spiele wegzunehmen“.

Den Anfang macht Ernest W. Adams, Grüder des Entwicklerverbands IGDA, der schon vor ein paar Tagen mit seinem Benehmen gegenüber der Entwicklerin Maya Posch unangenehm aufgefalllen  war. In einer Facebook-Konversation zur Ethik in der Spieleindustrie auf der Seite von Spieleentwickler und SPJ Airplay-Teilnehmer Derek Smart schlug ein Teilnehmer vor, jeden Menschen selbst entscheiden zu lassen, welche Darstellungen in den Medien für ihn angemessen sind und die anderen zu ignorieren – das konnte Adams, der niemandem seine Spiele wegnehmen will, so nicht stehen lassen:

 

Wisst ihr, ich erinnere mich an die 1970er, als schwarze Aktivisten dafür kämpften, das Image vom hüpfenden, springenden und grinsenden, Step tanzenden, „Ja, Massa“ sagenden Schwarzen in Film und Fernsehen loszuwerden. Sie haben drauf geschissen was die Zuschauer wollten, ihnen war die „Kreative Freiheit“ der Fernsehindustrie scheißegal. Das schwarze Menschen zur Unterhaltung von Weißen als Diener und Entertainer dargestellt wurden, machte sie krank, und sie hatten recht. Heute würde Hollywood nicht einmal zu träumen wagen, solchen Müll rauszubringen, obwohl es – wie ihr sehr genau wisst – da draußen immer noch Leute gibt, die es gerne so hätten.

Also, ja! Wir werden weiter rumschreien bis die letzte dumme Blondine mit Riesenbrüsten aus Spielen verschwunden ist, genau wie das einst so beliebte „Blackfacing“ und die „Tanzneger“ von Amerikas Bühnen verschwunden sind.

Versucht erst gar nicht, mir zu erklären, das diese Dinge verschieden sind. Wenn die Unterhaltungsbranche schwarze Menschen nicht mehr wie Scheiße behandeln darf, kann sie auch aufhören, Frauen wie Scheiße zu behandeln.

Quelle: Facebook

Quelle: Facebook

Wir sind von Ernest ja einiges gewohnt, aber so ein hinkender Vergleich macht ja selbst Quasimodo eifersüchtig. Netterweise hat er gleich den Hinweis eingebaut, dass die Tauglichkeit des Vergleichs für ihn kein zu diskutierendes Thema ist, eine beliebte Taktik der „Progressiven“: Sie erklären Teilaspekte ihrer Argumentation zum Sperrgebiet für Diskussionsteilnehmer, da sie genau wissen, wie fragil ihr Gedankengebäude an dieser Stelle ist – ein ähnliches Konzept namens „Glauben“ nutzen auch diverse Religionen, eine Verwandtschaft, die auch Maya Posch aufgefallen ist.

Und wie hält es Ernest W. Adams mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau? Wenn eine Frau mit überdurchschnittlich entwickelten sekundären Geschlechtsmerkmalen sich dafür entscheidet, mit ihrem Aussehen Karriere im Showgeschäft zu machen, darf ihr dann jemand Vorschriften machen? Würde sich diese Frau freuen, wenn Ernest W. Adams „so lange rumschreit“ bis sie, wie die „Tanzneger“ von den „Bühnen Amerikas“ oder wo auch immer „verbannt“ ist? Während australischen Behörden offenbar seit 2010 Vorschriften nutzen um Frauen mit zu kleinen Brüsten aus der Pornographie zu entfernen, nähert sich Adams dem „Problem“ von oben. Ich sehe eine düstere Zukunft vor mir, in der in den Unterhaltungsmedien nur noch ein bestimmter, genormter Brustgrößentoleranzbereich erlaubt ist, der von Vertretern der  australischen „E.W. Adams Stiftung“ (Motto: „Wir sehen uns den ganzen Tag Brüste an, damit ihr die zu großen oder kleinen nicht sehen müsst“) kontrolliert wird.

Richtig Sorgen macht mir, Spaß beiseite, die indirekte Verbindung zwischen der „kreativen Freiheit des Fernsehens“ und der Frage des Brustumfangs. Hier fängt nämlich dann doch das Territorium der Dinge an, die man anderen gerne wegnehmen würde, weil man sie für schädlich für die Betreffenden hält. Ich nutze Keulen wie diese nur ungern, aber wir hatten in den letzten hundert Jahren hier schon mehrmals den Versuch, den Leuten von oben herab zu erklären, was Kunst ist und was nicht. Hat nicht einmal funktioniert. Hatte immer betäubende Wirkung auf die Kultur. Aber was erwarte ich von einem Mann, der MMORPG-Entwicklern empfiehlt, Strafzahlungen für Spieler einzuführen, die gegen die Verhaltensregeln im Sprach-Chat verstoßen.

„Zahlen Sie eine Strafe von fünf Dollar wegen Verstoßes gegen das verbale Moralitätsstatut.“

mögliche Zukunft nach E.W. Adams

#FullMcIntosh

Nach soviel moralinsauren Vergleichen von Ernest haben sich meine geneigten Leser etwas Unterhaltung verdient. Dafür sorgt Jonathan McIntosh, der Mann der nicht hinter Feminist Frequency steht und nur ihr „Produzent“ ist und nach dem eine Form der extremen Verwirrung („FullMcIntosh“)benannt wurde.

Quelle: Twitter

Quelle: Twitter

Es handelt sich hier nicht nur um den Witz eines unreifen Jungen, so stellt sich Kojima auch die Charakterentwicklung für viele Frauen in seinen Spielen vor.

Jonathan „Josh“ McIntosh, „Produzent“

 

Eier à la Benedict. Sehen wie Brüste aus, wenn man am Teller wackelt. 

Hideo Kojima, Mastermind der Metal Gear -Reihe

Abgesehen davon, dass seine Schlussfolgerung Kojimas Inspirationsquellen betreffend offensichtlich an den Haaren herbeigezogen ist, möchte ich Jonathan folgendes (laut und mehrmals) sagen: Es ist NUR ein Witz Jonathan, auch wenn du das nicht glauben oder verstehen kannst. Auch wenn es hier in erster Linie um Jonathans Humorlosigkeit geht, sollte man nicht vergessen, dass ein solcher Witz und die Verbreitung desselben in den richtigen Kreisen durch Menschen wie McIntosh dafür sorgen kann, das ein Entwickler auf einer schwarzen Liste landet oder seinen Job verliert. Nicht das Hideo Kojima in Gefahr wäre, der genießt momentan wahrscheinlich zum ersten Mal seit Jahren seine Ruhe, aber für einen kleinen Entwickler ohne große Titel in der Vita kann ein Retweet von Josh (oder Megaphon-Chan, Leigh Alexander) das Ende bedeuten – keine Previews, keine Reviews und jede Menge rechtschaffen entrüstete intersektionale Feministinnen und Feministen in den Twitter-Mentions. Über welche Körperteile darf man denn noch Witze machen? Sollten Demagogen wie McIntosh Einfluss auf so viele Medienleute haben, nur weil sie eine, ebenso demagogische, Freundin mit einer Videoserie auf YouTube haben?

Es lohnt sich in Diesem Zusammenhang, mal einen Blick in die älteren Tweets von Josh zu werfen, genau so schlimm und stilbildend wie Frühstücksei-Sexismus sind nämlich auch die Darstellungen von Gewalt und Gore. Und auch hier soll man die Meinung konsumieren und nicht „defensiv“ werden, also nicht diskutieren, nicht argumentieren und schon gar nicht nach Beweisen für Theorien fragen.

joshdoom4

Quelle: Twitter

Quelle: Twitter

„Gamer freuen sich lauthals über die Darstellung von Verstümmelungen. Zur Hölle, das ist deprimierend. Willkommen in der Spieleindustrie“

„Wir haben gerade ein Auditorium voller Erwachsener gesehen, wie es gejubelt hat als Körper mit einer Kettensäge zerteilt wurden. Denkt da mal wirklich einen Moment drüber nach.“

„Denk darüber nach, ohne defensiv zu reagieren. Niemand will DOOM verbieten. Aber welche Nachricht über die Gaming-Community sendet das an die Welt?“

Ein schönes Spielebusiness haben Sie da, wir wollen Ihnen das auch nicht wegnehmen, aber wär‘ doch schade, wenn dem Sexismus- oder Gewaltvorwürfe zustoßen würden, oder? Wenn Sie versprechen, den ganzen Schmutz, der mich und meine Geschäftspartner so anekelt, zu entfernen, könnte ich ihnen einen Deal vorschlagen, den Sie nicht ablehnen können! Kennen Sie meine Freundin? Für ganz kleines Geld arbeitet die für Sie als Consultant und sorgt dafür, das Ihnen solche Fehler nicht mehr passieren. Machen Sie sich keine Sorgen über die uneinsichtige Konkurrenz, deren Läden werden halt den ein oder anderen „Unfall“ in den sozialen Medien haben. Sie müssen nur den Unfug mit der kreativen Freiheit sein lassen.

 

 

 

Gamedropping mit dem Hofreiter Toni

Gestern habe ich den Hofreiter Toni bei „Hart aber Fair“ mit Frank Plasberg gesehen. Zum Thema „Genderdebatte “ wurde dort eine Art Nachbereitung der Folge aus dem März versucht, die der WDR kurzfristig nach Beschwerden verschiedener Frauenorganisationen aus der Mediathek entfernt hatte, obwohl der Rundfunkrat keine Verstöße gegen Vorschriften feststellen konnte. Inzwischen ist der Beitrag wieder in der Mediathek verfügbar und Plasberg hatte gestern fast die gleiche Runde zu Gast, die schon in der ursprünglichen Sendung diskutiert hatte.

Die Positionen der beiden Lager waren von vorne herein klar, auf der Seite der Genderforschung waren Anne Wiezorek („Netzfeministin“), Sybille Mattfeld-Kloth (Frauenverband Niedersachsen, Bündnis90/ Die Grünen) und Dr. Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen), die skeptische Position nahmen Birgit Kelle (Journalistin), Sophia Thomalla (Schauspielerin) und Wolfgang Kubicki (FDP) ein.

Die erste Wortmeldung von Hofreiter war erfreulich vernünftig, führte er doch aus, die Beschwerden gegen die Sendung vom März hätten doch nur zur Aufgabe gehabt, herauszufinden ob die Redaktion und der Moderator ihren Job vernünftig gemacht hätten. Leider legte er fortan bei seinen eigenen Äußerungen nicht soviel Wert auf gute Recherche und Wahrheitsgehalt. Wenn mir ein studierter Biologe ohne weitere Ausführungen zur Frage „biologisches Geschlecht oder kulturelles Konstrukt?“ ein „Ist es biologisch festgelegt? Nein, es ist kulturell!“ hinwirft, ohne auf die Vielschichtigkeit dieser Fragestellung einzugehen, kommen mir halt so meine Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit.

Zweierlei Mass

Frauenverbandsvertreterin Mattfeld-Kloth, die sich in der Runde mit einfachen Verallgemeinerungen wie „Wenn der Mann sich eine Jüngere sucht, […] dann geht es für die Frau ab in Hartz IV“ hervor tat, wurde von Moderator Plasberg nach dem Grund für ihre Beschwerde gegen die Ampelmännchen-Sendung befragt und nannte die Auswahl der Gäste als Kernproblem, es habe unter den Eingeladenen Personen von mangelnder Kompetenz gegeben. Kurz darauf wurde sie deutlicher: Sie könne die Einladung von Sophia Thomalla nicht nachvollziehen, es habe sich wohl der eine oder die andere gefragt, wo da der Informationsgehalt sei, welchen Mehrwert ihre Teilnahme bringe. Vielleicht, sinnierte sie, sei Frau Thomalla ja wegen ihres Unterhaltungswertes eingeladen worden. Wahrscheinlich meinte Frau Mattfeld-Kloth eine Art Hintergrunddekoration oder „Eye-Candy“ (Hallo Anita!).

Für einen Moment konnte man in den Augen des Moderators sehen, dass ihn sowohl die Einordnung seiner Arbeit ins Unterhaltungsfach, als auch der kaum verhüllte persönliche Angriff auf einen seiner Gäste  überhaupt nicht gefiel. Birgit Kelle hatte den Mut, die Wahrheit auszusprechen: „Hätte das jetzt ein Mann gesagt, hätten wir den nächsten Sexismus-Skandal“. Gefragt, was sie von dieser Art des Umgangs mit Gesprächspartnern halte, fiel Wiezorek nur ein, das sie die mangelnde Kompetenz von Frau Thomalla schon in der letzten Sendung beanstandet habe. Dann stellte Plasberg Hofreiter die gleiche Frage, und gab ihm einen deutlichen Hinweis indem er fragte, wie er sich fühle, wenn Gäste in ihrer Persönlichkeit bewertet würden, wenn es doch eigentlich um deren Position gehe. Aber anstatt sich über die sexistischen Vorurteile und die „Charakter-Assassination“ (Wörtlich „Attentat auf den Charakter“, ein Ausdruck für das Vorgehen, das der Moderator beschrieben hatte und das sich in „progressiven“ Kreisen höchster Beliebtheit erfreut) in den Worten von Frau Mattfeld-Kloth zu beschweren, griff er auf „Gamedropping“ zurück, eine neumodische, eigentlich eher in journalistischen Kreisen beliebte Praktik, bei der #GamerGate zur Verstärkung der eigenen Position erwähnt wird, obwohl es in der Diskussion um etwas vollkommen anderes geht.

„Das ist generell im Internet ein Effekt, das da, das sehr, sehr harsche, und… und Frau Wiezorek hat das ja auch dargestellt, zum Teil sexistische und sehr brutale Kritik geäußert wird, da gibt es noch viel, viel härtere Beispiele, sie können ja mal nachfragen was da zum Teil so bei Frauenrechtlerinnen ankommt, oder ein klassisches Beispiel war: Eine Spieleentwicklerin hat sich kritisch dazu geäußert, das in manchen Spielen Frauen, selber in der Spieleentwicklung, sehr stereotyp dargestellt worden sind. Der Effekt war, das sie massivste Morddrohungen aus dem Internet bekommen hat, das da der Mob total getobt hat und am Ende musste die Frau unter Polizeischutz gestellt werden. Das ist ein generelles Phänomen, das wir feststellen. Und da gibt es, wie gesagt, völlige Entgleisungen, auch in anderen Fällen gibt es da völlige Entgleisungen und das ist ein echtes Problem, aber es ist kein Problem, das auf dieses Themenfeld reduziert ist.“

Quelle: ARD, „Hart aber Fair“ 07.09.2015

Lieber Anton Hofreiter

Wenn man zu einem Thema etwas sagen will, sollte man einige Dinge zur Diskussion mitbringen. Als erstes wäre da der Wille, auf die Fragen des Moderators zu antworten – meines Erachtens ging es Plasberg in seiner Frage nach der Debattenkultur nicht um die zuvor gezeigten Tweets und Facebook-Einträge über Frau Thomalla, sondern um die Behandlung, die selbige in ihrer Anwesenheit durch ihre Parteikollegin Mattfeld-Kloth erfahren musste. Also schon mal Thema verfehlt, aber ich möchte ihnen trotzdem etwas dazu in ihr Heft schreiben. Mit roter Tinte.

So sieht eine Bomarea aus / Bild: Mills (The Botanist), gemeinfrei

So sieht eine Bomarea aus / Bild: Mills (The Botanist), gemeinfrei

Wenn man keine Ahnung von einem Thema hat, sollte man vielleicht erst Mal recherchieren (ich weiß,  lieber Leser, ich höre mich an, als hätte meine Platte einen Sprung) oder vielleicht ein anderes Beispiel wählen. Ich würde in einer Diskussion mit Ihnen auch nicht behaupten die Bomarien (über die Herr Hofreiter promoviert hat) seien eine Art südamerkanischer Tannenbaum, nur weil ich irgendwo mal ein Bild von einem Tannenbaum in Peru gesehen habe. Bevor Sie also das nächste Mal über #GamerGate sprechen (auch wenn sie den Hashtag nicht erwähnt haben), sollten sie zumindest die grundlegenden Fakten drauf haben: Sie vermischen zwei Personen, die Spieleentwicklerin Zoe Quinn und die Kulturkritikerin Anita Sarkeesian, erstere stand in der Kritik, weil sie durch ihr Verhalten den Anschein erweckt hat, ihr damaliger Partner Nathan Grayson habe ihr in seiner Rolle als Spielejournalist Medienöffentlichkeit verschafft. Anita Sarkeesain fällt schon seit längerem durch ihre einfach gestrickten Theorien über Sexismus in Spielen auf, die sie aus einem Elfenbeinturm heraus unter das Volk bringt – keine Debatte, keine Diskussionen. Das die beiden beleidigt und bedroht wurden, widert mich genauso sehr an wie Sie, Herr Hofreiter. Aber „brutale Kritik“ bekommt jeder, der sich in irgendeiner Weise in der Öffentlichkeit engagiert, sei es als Schauspielerin wie Frau Thomalla, als Spieleentwicklerin oder als Politiker. Und „brutale und sexistische Kritik“ kann offenbar auch Frau Mattfeld-Kloth anbringen, ohne dass Sie sich daran stören würden.

Der medienträchtig für ein Special auf ABC zur Schau gestellte Polizeischutz von Frau Sarkeesian fällt wohl eher in die Kategorie „Aufmerksamkeit erregen“, denn wer sich auf YouTube betätigt, wird leider mit solchen Drohungen regelrecht bombardiert, wenn er eine gewisse Aufmerksamkeitsschwelle überschreitet. YouTube-Persönlickeit TotalBiscuit (über 2 Millionen Abonnenten) schreibt dazu am 15.Oktober 2014 in einem twitlonger:

„Was tun wenn du eine Morddrohung über Twitter oder per Email erhälst? Ich habe einen Ratschlag für dich. Ich gebe diesen Rat aus der Perspektive von jemandem, der jeden Monat Morddrohungen verschiedener Bedrohungsgrade erhält und bisher nicht gestorben ist. Dummerweise beinhaltet jede Art von Onlinepräsenz auch die Möglichkeit das irgendjemand eine Dummheit macht. Es kann dafür alle möglichen Gründe geben, egal wie harmlos sie scheinen mögen. Es muss nicht einmal einen Grund geben. Online verhalten sich Menschen auf eine Art und Weise, die sie sich im realen Leben nie trauen würden, die Gründe warum genau das so ist sind noch nicht vollständig geklärt. Wir [TB und seine Frau] haben auf jeden Fall eine Sache nicht gemacht.“

„Geh nicht mit der Drohung an die Öffentlichkeit! Diesen Rat geben die Kriminalbehörden aus mehreren Gründen. Die Drohung öffentlich zu machen hat eigentlich keine Vorteile. Die Leute online können dich bei einer echten Drohung nicht schützen, deshalb macht es auch keinen Sinn, ihnen davon zu erzählen. Ist es eine echte Drohung, nimmst du sie durch die Veröffentlichung deutlich sichtbar zur Kenntnis und schenkst dadurch der Person, die die Drohung geschickt hat, einen Sieg. Kommt die Drohung von einem dummen Troll, schenkst du auch ihm den Sieg, weil du ihm Aufmerksamkeit geschenkt hast. Der einzig verlässliche Weg, online mit unangenehmen Leuten umzugehen, ist ihnen die Aufmerksamkeit zu verweigern, nach der sie sich so sehnen und ihnen so die Luft zum Atmen zu nehmen.“

Quelle: TotalBiscuit

Es ist keine schöne Wahrheit, aber sie ist nicht wegzudiskutieren: Im Internet gibt es jede Menge Arschlöcher. Man kann nur entscheiden, wie man mit deren Erzeugnissen umgeht: Man kann die Polizei verständigen und sich ruhig verhalten, oder man kann mit immer neuen Berichten über Drohungen und Beleidigungen den eigenen Namen in den Medien halten. Das ist – völlig unabhängig vom Geschlecht – die Entscheidung jedes Einzelnen. Und das sollte man wissen, bevor man von einem „tobenden Mob“ spricht, Herr Hofreiter.

Das ein Politiker mit überregionaler Bedeutung seine Meinung unverdaut aus den Medien bezieht, habe ich zwar befürchtet, aber es stimmt mich trotzdem traurig. Weil Sie #GamerGate falsch dargestellt haben, gibt es für die Krümelsucher auf Wikipedia wieder eine „zuverlässige Quelle“ mehr in Deutschland, die #GamerGate, wenn auch indirekt, als wütenden Mob, als Frauenhasser, als Hassgruppe dargestellt hat. Alles nur, weil Sie nicht bereit waren, etwas über eine Konsumentenrevolte zu erfahren, bevor Sie diese im Fernsehen zur besten Sendezeit als Skelett aus der antifeministischen Geisterbahn missbrauchen. So werden Bündnis 90/ Die Grünen sicher nicht beliebter bei antiautoritär denkenden Menschen, im Gegenteil, sie werden sich ein Stück mehr in die Ecke mit den Vorschriften und den Denkverboten bewegt haben, in welcher die Partei seit dem Rechtsruck in den Neunzigern sowieso schon steht.

Leider blieben in der Sendung auch ohne weiteres „Gamedropping“ die wichtigen Fragen unbeantwortet, so haben leider weder Frau Wiezorek noch Frau Mattfeld-Kloth eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage von Birgit Kelle gegeben, wer die Feministinnen ermächtigt habe, in der Frage „Geschlecht: biologisch oder kulturell?“ die richtige Antwort zu bestimmen. Getröstet haben mich wie so oft die Kommentare der Leute vor den Fernsehgeräten, stellvertretend möchte ich einen Nutzer des „Hart aber Fair“-Gästebuchs zitieren, der meine Meinung zum Thema eloquent auf den Punkt bringt:

Liebe Gender-Ideologen, ihr dürft gerne versuchen, Menschen zu überzeugen. Aber bitte hört auf, dies zu erzwingen, indem ihr versucht Sprache von oben zu ändern oder Ideologien in Gesetze zu gießen, die keiner demokratischen Mehrheit entsprechen.

Zuschauer Simon Jentzsch im Gästebuch zur Sendung (Quelle: ARD)

Nehmen Sie sich das mal zu Herzen, Herr Hofreiter. Und wenn Sie etwas über Konsumentenrevolten im Internet wissen wollen – Sie wissen ja jetzt, wo Sie mich finden.

 


Link zur Bildlizenz (Titelbild)

 

 

 

 

Bei Sexismus ist die Diskussion zu Ende

Ein Gespräch mit der Spielentwicklerin Maya Posch

Maya Posch war am 30. August 2015 Gast im deutschen #GamerGate-Livestream, das folgende Gespräch ist ein Ausschnitt daraus. Neben ihrem Job als Programmiererin führt sie mit einem Freund zusammen das Enwicklungsstudio Nyanko, beherrscht Unmengen von Programmiersprachen und hat ein unübersehbares Faible für asiatische Kultur. Da Maya zwar Niederländisch, Englisch und Japanisch spricht (und außerdem Mandarin und Koreanisch lernt), Deutsch aber nicht ihre Muttersprache ist, habe ich ihre Antworten zugunsten der Lesbarkeit bearbeitet, dieses Video enthält das vollständige, unbearbeitete Gespräch.

gamergateblog.de dankt Maya Posch und den Organisatoren des Streams für die Zusammenarbeit.

 

Hallo Maya, stell dich doch einfach mal kurz vor.

Ich arbeite als Softwareentwicklerin, aber ich habe auch mein eigenes Games-Studio, und entwickle dort zusammen mit einem Freund Spiele.

Für mich hat GamerGate im letzten Jahr angefangen, ich habe gesehen, das es da um eine Frau geht und das gesagt wird: „Ha, du hast da etwas falsch gemacht“. Aber eigentlich hat das mit Anita Sarkeesian und ihrer Video-Serie angefangen, in der behauptet wird, alle Spiele seien 100% Sexismus und alle Frauen seien Opfer. Und auch ich als „female gamer“ sollte mich am besten als Opfer darstellen. Das hat mich sehr genervt und so habe ich im letzten Jahr zum ersten Mal den Hashtag #NotYourShield benutzt. Das musste sein.

Da ist dir der Kragen geplatzt.

Es ist einfach so: Ich bin kein Opfer. Auch nicht, wenn Sarkeesian das sagt. Dann bin ich immer noch kein Opfer. Ich will auch kein Opfer von Sarkeesian sein. Ganz einfach: Nein, das klappt nicht, so ist das alles nicht. Ich bin jetzt schon seit den neunziger Jahren ein Gamer und ich habe immer viel Spaß damit gehabt. Welcher Sexismus? Ich sehe keinen, das ist verrückt, ich bin #NotYourShield.

Kannst du mir drei Spiele nennen, die dir besonders gut gefallen?

Natürlich die meisten der Zelda-Games, Ocarina of Time, Majora’s Mask, Twilight Princess.

Damit hast du schon mehr genannt als Anita Sarkeesian bei Colbert. Ich habe auf deinem Blog gelesen, das du schon viel durchgemacht hast, trotzdem hat dich das nicht davon abgehalten, zum Beispiel C++-Entwicklerin zu sein und zig Programmiersprachen zu lernen, du programmierst Android-Apps mit denen man japanisch lernen kann, du schreibst auf mehreren Blogs zu Themen wie Programmieren, aber auch Wissenschaft, zum Beispiel über künstliche Intelligenz. Du bist jemand, der sein Wissen auch nach außen trägt – bist du auch jemand, der immer Beschäftigung braucht, etwas das den Geist anregt?

Ja, Langeweile, das geht nicht, das darf nicht sein.

Quelle: Twitter

Quelle: Twitter

Und wie denkst du über Leute, die dann sagen: “ Du bist doch Teil einer Minderheit, warum fühlst du dich nicht als Opfer, wir wollen dir doch nur helfen“?

Ich finde das komisch. Ich habe mir eigentlich immer selbst geholfen. Wenn ich etwas interessant finde, dann ist das Motto: „Einfach lernen“, ich habe mir Vieles selbst beigebracht. Wenn ich denke, ich könnte etwas besser machen, mache ich es einfach besser. Ich glaube nicht an die Opferrolle, ich glaube nicht, das es sinnvoll ist, das Opfer zu spielen. Aber das ist, was die Leute von mir erwarten, auch die Social-Justice-Warriors auf Twitter, es ist einfach unglaublich.

Was glaubst du ist das größte Problem bei diesen SJWs?

Ich glaube sie sind- wie sagt man – Kontrollfreaks. Sie haben ein festes Bild von der Realität und wenn jemand etwas sagt oder etwas macht, das nicht damit übereinstimmt, dann ist das als ob man gegen ein Dogma verstößt. Eigentlich ist es wie eine Religion. Diese Leute müssen einfach an ihre Version der Realität glauben, das sieht man auch bei Sarkeesian. Es gibt dann Männer, die glauben, Anita Sarkeesian habe recht, alle Frauen seien Opfer und in der Gaming-Community gebe es „toxische Maskulinität“. Und auch alle Frauen, die sich für Spiele interessieren sind Opfer, denn die Community ist natürlich rein männlich. Was mich auch nervt, ist die Tatsache, dass die Medien so tun als wäre die Ethikfrage etwas neues. Schon in den Neunziger Jahren gab es auf Seiten wie IGN Korruption, Korruption, Korruption.  Das war schon immer so.

We are not Jack Thompson

Das denke ich auch, nur das dieses Problem mit #GamerGate auf einmal  gleichzeitig von viele Leuten wahrgenommen wurde.

Es gab immer Kontroversen um Games. In den Achtzigern war es der „Satanismus“ in Dungeons & Dragons, in den Neunzigern war es die These, Spiele verursachten Gewalt, vertreten von Leuten wie Jack Thompson, und heute haben wir Anita Sarkeesian, die eigentlich der neue Jack Thompson ist.

Ja, aber die ist unantastbar, weil sie eine Frau ist.

Ja, das ist auch der Unterschied zu den vorhergehenden Diskussionen: Feminismus. Wenn man sich zum Beispiel Zoe Quinn ansieht, wenn man über jemanden schreibt, zu dem man eine Beziehung hat sollte man das offenlegen, klar machen, dass man nicht unhabhängig ist. Wenn man dann nach der Ethik fragt heißt es: Sexismus. Weil sie eine Frau ist. Man kann nichts dagegen sagen. Auch wenn man als Frau, als „female gamer“,  Sarkeesian kritisiert dann kommen gleich Social-Justice-Warriors – immer Männer – und sagen: „Das kannst du nicht sagen, das kannst du nicht machen, es ist einfach so. Sarkeesian hat recht“.

Ich habe auch ganz stark den Eindruck das Feminismus und gerade auch Sexismus in der #GamerGate-Debatte genutzt werden, um Kritik zu vermeiden.

Ich habe diesen Eindruck auch. Wenn jemand „Sexismus“ sagt, erwarten die Leute, das damit die Diskussion beendet ist. Wenn jemand sagt „Das ist Sexismus“, dann ist es vorbei, das glauben die wirklich. Es ist ein bisschen wie bei „Rassismus“. Wenn das jemand sagt…

Schublade zu, fertig!

Ja, genau, das glauben die. Daher kommt auch diese komische Idee von „Internalized Misogyny“: Frauen die nicht gegen #GamerGate sind, haben dann diesen „Internalisierten Frauenhass“, die hassen Frauen, die haben Probleme und darum stimmen deren Ideen nicht mit Sarkeesians Ideen überein. So etwas kann man gerne behaupten, aber ich glaube nicht, das es stimmt.

Eigentlich ist es wie eine Religion

Ja, es ist schon interessant, wie schnell die angeblich wahnsinnig „Progressiven“ dabei sind, eine Frau mundtot zu machen, nur weil sie die „falsche“Meinung vertritt.

Ja, das habe ich auch viele Male auf Twitter gesagt: Ich finde es komisch, die Gamergater, die Leute die #GamerGate unterstützen, sind immer so nett. Mit denen kann man diskutieren, die sagen einem nicht: „So ist es und nicht anders“, man kann auch eine andere Meinung haben, das ist auch OK. Mit den Anti-GamerGate-Leuten geht das einfach nicht. Man muss als Frau einfach ein komplettes Opfer sein, das geht nicht anders, wie gesagt, eigentlich ist es wie eine Religion. Ich hatte letzte Woche auch Kontakt mit Ernest W. Adams, dem Gründer der IGDA [International Game Developers Association], der hat mich auf Twitter geblockt und gesagt, ich wäre eine „Sockenpuppe“. Damit wollte er sagen, das hinter meinem Twitter-Account keine echte Person steht, das meine Aussagen eigentlich nicht „echt“ sind, das sie nicht meine Meinung wiedergeben. Das ist schon komisch. Das ist wirklich meine Meinung und ich bin wirklich eine Frau – glaube ich, steht auch so in meinem Reisepass. Solche Menschen wollein einfach nicht glauben, das ich als Frau kein Opfer sein muss. Wenn ich dann sage: „Ich bin kein Opfer und ich will auch kein Opfer sein“, dann sind sie sehr genervt und blocken mich auf Twitter.

Quelle: Twitter

Quelle: Twitter

 

 

 

 

 

 

 

 

 

TotalBiscuit sagt lange fällige Dinge

F*** you, Extremists.

Nachdem er, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten einen Blick in die reddit-Kommentare zur aktuellen Episode des CoOptional-Podcast mit der Journalistin LauraKBuzz als Gast geworfen hatte, wandte sich der erfolgreiche YouTuber John Bain, besser bekannt als TotalBiscuit, in einem Soundcloud-Podcast an sein Publikum. Er sei „verdammt sauer“ und „zittere vor Wut“. Er werde Dinge sagen, die einige Leute nicht mögen würden, aber das sei ihm, gelinde gesagt, scheißegal, diese Leute würden ihn sowieso seit längerem krank machen.

Einige der Kommentare im betreffenden subreddit könne man als transphob bezeichnen. Bain sagte, er setze dieses Wort nicht leichtfertig ein, als jemand der selber schon so bezeichnet wurde, von Leuten die ihn nicht kennen und anderen, die dieses Wort wie eine Keule schwingen. Leider kämen diese Attacken, die er und die anderen Teilnehmer des Podcasts geschmacklos fanden, wohl aus seinem eigenen Publikum. „Es macht mich krank. Ich fühle mich zum Kotzen“, sagte der Entertainer, hörbar mitgenommen von den Geschehnissen.

„Diese Menschen müssen wissen, das sie nicht willkommen sind“ fuhr er fort, „Ich glaube nicht, das es auch nur entfernt eine politische Frage ist, das man Transgender-Personen wie menschliche Wesen  und mit Respekt behandeln sollte. Das ist Menschlichkeit. Das ist Anstand“. Er erwähnt in diesem Zusammenhang auch #GamerGate und macht klar, das er (im Gegensatz zu mir) keine Verquickung der Themenbereiche „Social Justice“ und „Ethik im Journalismus“ will. Er hält diese Verbindung für eine Ursache der hasserfüllten Attitüde der Kommentatoren (ich halte diese Dinge, leider, für untrennbar verbunden). Meine volle Zustimmung allerdings erhält seine Aussage, das moralische Integrität für ihn wichtiger ist als die Größe seines Publikums.

Ich brenne lieber mein eigenes Publikum nieder, als den bigotten Leuten auch nur einen Fußbreit Boden zu gewähren. Mit Freuden!

Er werde alles tun um Menschen, die andere, die mit ihm in Verbindung stehen, auf eine solche Weise angreifen aus den Reihen seiner Zuschauer zu tilgen. „Ich brauche euch nicht, ihr könnt euch, verfickt nochmal, verpissen! Geht weg!“ so der sonst so distinguierte gebürtige Brite. Das gelte besonders, wenn die Angriffe Menschen zum Ziel hätten, die „noch mehr Scheiße auf ihrem Teller haben als alle anderen“. Er wisse, dass das Konzept „Privileg“ dank der Extremisten online inzwischen ein wandelnder Witz sei. Extremisten von der Sorte, die bar jeder Ironie #killallmen twittern und behaupten Sexismus gegen Männer existiere ebenso wenig wie Rassismus gegen Weiße. Diese Extremisten seien bigott, sie hätten Vorurteile, sie seien engstirnig. Sie seien Bullies. Und trotzdem träfe es im Fall von Transgender-Personen voll zu, dass sie weniger privilegiert seien als andere. Diese Menschen kämpften für nichts mehr als ihren gerechten Platz innerhalb der Gesellschaft und in diesem Fall habe er kein Problem mit dem Kampf für eine gerechtere Gesellschaft.

Und er zieht eine interessante Verbindung: Sind es vielleicht gerade die Transphobie-Angriffe gegen ihn gewesen, die Menschen mit transphoben Tendenzen auf seinen Kanal aufmerksam gemacht haben? „Das ist wie, wenn dich jemand Rassist nennt und auf einmal mögen dich die Rassisten, weil sie denken jemand Gleichgesinntes vor sich zu haben. Das passiert, wenn du online „Stämme“ gründest. Das passiert wenn du die Extreme suchst. Das passiert wenn du dich wie ein Kult benimmst, Empörungskultur und das „Shaming“ online kombinierst“, so Bain weiter. Er rief seine Zuschauer auf, darüber zu reflektieren, ob im Umgang mit weniger privilegierten Menschen nicht deutlich mehr Rücksicht angebracht wäre. Es gehe nicht darum, sein „Privileg zu checken“, sondern darum,ein anständiges menschliches Wesen zu sein. Es gehe um Empathie, darum eine Transgender-Person zum Beispiel nicht für ihre Stimme zu kritisieren, ein Merkmal über das sie keinerlei Kontrolle habe. Jeder, der beim Gedanken an Vorgänge wie diese zumindest ein wenig Ärger verspüre, sei ihm willkommen. Für solche Menschen würde er sich bereitwillig in die Schlacht werfen, wie er es schon einige Male getan habe.

Lasst es mich extra deutlich sagen: Ich bin 100% für Transgender-Gleichberechtigung. Ich bin 100% dafür, menschliche Wesen wie menschliche Wesen zu behandeln. Einfacher kann ich es nicht sagen. Wir haben 2015 und wir sind kein Haufen Barbaren. Wer damit ein Problem hat: Der Ausgang ist links. Verschwindet. Jeder, der an den Kommentaren beteiligt war, sollte sich schämen.


 

Bis auf einen Unterschied in der strategischen Sichtweise auf #GamerGate kann ich TotalBiscuit nur 100% zustimmen. Die Moderaten auf beiden Seiten haben mehr gemeinsam, als die jeweiligen Extremisten sie glauben machen. Und wenn die Moderaten sich verständigen, fehlt den Extremen die Machtbasis. Und jeder Mensch hat Anrecht auf Respekt und Menschlichkeit. Auch ideologische Gegner.

SPJ Airplay – Nachlese

Das Titelbild nimmt ja schon vorweg, wer meinen persönlichen Höhepunkt bei SPJAirplay gesetzt hat, obwohl er nicht auf der Sprecherliste stand. Aber eins nach dem anderen. In den zwei vorhergehenden Artikeln habe ich mich bemüht, den Inhalt der beiden Panels komprimiert und sinngemäß wiederzugeben, in diesem möchte ich darüber sprechen, was meiner Meinung nach erreicht bzw. nicht erreicht wurde.

10/10, would conference again?

Die erste Hälfte der Konferenz hat mir deutlich besser gefallen als der Nachmittag. Die Diskussion hatte mehr Substanz und der Moderator war weniger rigide, was wahrscheinlich an der klareren Struktur des Panels lag. Fünf Verdachtsfälle aus dem Bereich journalistische Ethik sollten abgearbeitet und von den Experten beurteilt werden. Das es nur drei Fälle wurden und das der wohl interessanteste – die sogenannte ‚GameJournosPro‘-Gruppe, eine geschlossene Online-Gemeinschaft in der viele von #GamerGates Gegnern unter den Spielejournalisten organisiert waren – nicht zur Sprache kam, ist der sehr knappen Zeitplanung geschuldet. Zwei Stunden waren für das komplexe Thema wohl einfach  zu wenig.

Das es für zwei der ausgeführten Fälle kein abschließendes Urteil gab, laste ich dem Moderator und Organisator Michael Koretzky an, hier hätte er deutliche Statements vom neutralen Panel verlangen sollen. Mit Mark Ceb als Zyniker, Ashe Schow als Sympathieträgerin und Allum Bokhari als distinguiertem Gentleman hat #GamerGate würdige Repräsentanten gehabt, die beiden neutralen Journalisten Ren La Forme und Lynn Walsh schienen am Anfang fast desinteressiert und haben es mit der ‚Unvoreingenommenheit‘ (Lynn Walsh gab an, sich im Vorfeld mit Absicht nicht über #GamerGate informiert zu haben) vielleicht etwas übertrieben.

M. Ceb, A. Schow, A. Bokhari / Foto: SPJAirplay Stream

M. Ceb, A. Schow, A. Bokhari / Foto: SPJAirplay Stream

Was habe ich also gelernt? ‚Richtige‘ Journalisten verachten „Gawker“. Walsh sagte sogar, sie würde Berichte von „Gaffer“ (so die deutsche Übersetzung) sicher nicht für ihre Arbeiten zitieren. Das sieht düster für 98% aller Presseorgane aus, die bisher über #GamerGate berichtet haben, die Boulevard-Website und ihre Unterseiten (Kotaku) tauchen immer wieder in den Quellen auf. Wahrscheinlich arbeiten bei den Wiederkäuern einfach keine echten Journalisten. Ein Ombudsmann oder eine Publikation die den Computerspiele-Sektor der Medien beobachtet, wäre auch nach meiner Sicht ein Schritt in die richtige Richtung. Ein „Watchgeek“ sozusagen.

Die ethischen Bedenken von den Unterstützern des Hashtags waren, soweit man das an den vorgestellten Beispielen festmachen kann, durchaus berechtigt und die Reaktion der Medien entsprach nicht dem Standard, zu dem die SPJ ihre Mitglieder ermuntert. Außerdem hat Walsh festgestellt, dass sie die Reaktion von #GamerGate auf die ethischen Verfehlungen durchaus für angemessen hält. Diese Feststellungen allein waren eigentlich schon mehr, als viele Unterstützer von  #GamerGate vor der Konferenz  erwartet hatten, besonders skeptische Geister hatten gar vor einer ‚Falle‘ der SPJ gewarnt.

Die Ausrufezeichen haben im Morgenpanel aber meiner Meinung nach nicht die Vertreter von #GamerGate gesetzt, so zufrieden ich auch mit der Leistung jedes einzelnen war. Unter den Podiumsteilnehmern hat für mich der Entwickler Derek Smart den wichtigsten Satz gesagt:

„Das hier wird nie aufhören, wenn die Journalisten nicht aufhören Spieler – und speziell ‚GamerGate – als Hassgrupe zu bezeichnen. Das sage ich seit dem ersten Tag, das ist ein Rohekrepierer.

Ich als Spieler und Spiele-Entwickler habe es damals nicht geglaubt und glaube es heute nicht, ich werde niemals glauben, dass es bei #GamerGate jemals um Beschimpfungen und Frauenhass ging.“

 

Aber den insgesamt besten Auftritt der Konferenz hatte wohl Paolo Munoz (s. Titelbild), ein bekanntes Gesicht unter #GamerGate-Unterstützern, der im Publikum saß und sich für eine Zuschauer-Anmerkung gemeldet hatte. Seine flammende Rede gegen „Gawker“ und für die Anonymität zum Schutz von Familien und Freunden der Aktivisten hat mit Sicherheit für einige Gänsehaut im Publikum gesorgt.

Paolo Munoz / Bild: Twitter

Paolo Munoz / Bild: Twitter / SPJAirplay Stream

 

„Gawker handelt nicht nur unethisch, sie sind bereit über Leichen zu gehen“

Weniger Ego ist mehr Debatte

Das zweite Panel hat mich dann eher negativ überrascht. C.H. Sommers, Cathy Young und Milo Yiannopoulos hatten die #GG-Teilnehmer der Morgenrunde ersetzt und hielten ihre einführenden Monologe, während Koretzkys Gesicht immer länger wurde. Es war sehr schnell klar, das der Moderator kein Interesse an geschichtlichen Fakten zur Konsumentenrevolte hatte während die Vortragenden ein Fundament für ihre Vorschläge zum Thema „Wie sollten die Mainstream-Medien mit amorphen Internet-Bewegungen umgehen?“ legen wollten.

Insgesamt war mir Milo Yiannopoulos ein wenig zu selbstgefällig (was er zwischendurch auch zugab, nur um es im nächsten Atemzug wieder zu vergessen) und wirkte mehr an seiner eigenen Außenwirkung interessiert, als am Thema. Sein wissendes Nicken sobald Summers oder Young sprachen und sein Grinsen bei besonders gelungenen Passagen ihrer Vorträge ließ in mir den Verdacht aufkeimen, dass er zumindest für C.H. Summers als Ghostwriter fungiert hat.

Mir hat auch die Art missfallen, in der Cathy Young von Walsh und Koretzky beinahe über die Neutralität ihres Artikels auf reason.com ‚verhört‘ wurde. Vielleicht hatte Walsh einfach zu wenig Einblick in die Materie, aber zu der Zeit, zu der Youngs Artikel erschienen ist, gab es für 99 Artikel aus der „Hassgruppe“- Ecke einen, der ihren Standpunkt einnahm. In so einem Fall ist ein Bericht der „nur“ die Gegenseite einer Diskussion beleuchtet, meiner Meinung nach, nicht nur ethisch einwandfrei, sondern bitter nötige Journalistenpflicht.

Am Nachmittag habe ich vor allem gelernt, das Kommunikation rund um GamerGate mit „Uneingeweihten“ fast unmöglich sein kann. Weil Koretzky keine langatmigen Erklärungen zulassen wollte und sich zwischenzeitlich mehr mit Milo in den Haaren hatte als konstruktiv beizutragen oder zu moderieren, war es kaum möglich, Walsh oder LaForme zu erklären, warum sie als Journalisten #GamerGate überhaupt recherchieren sollten. Hier hätte Koretzky für das Nachmittagspanel vielleicht Journalisten einladen sollen, die eine grundlegende Vorstellung vom Thema haben, um eine fruchtbare Diskussion wahrscheinlicher zu machen.

Koretzkys Versuch, Feminismus, Ideologie und die Vergangenheit aus dem Panel herauszuhalten kann ich andererseits verstehen. Auch wenn viele Unterstützer des Hashtags sich negativ über seine diesbezüglichen Unterbrechungen geäußert haben, denke ich verstanden zu haben, was er versucht hat: Hätten Yiannopoulos, Young und Summers noch weiter Monologe über ideologische Konflikte gehalten (was durchaus in ihr Fachgebiet fallen würde), wäre es für die zahlreichen Kritiker der Konferenz ein leichtes gewesen, diese zu entwerten: „SPJAirplay war nichts außer den üblichen Geschichten über böse Frauen und SJWs“. Und sie hätten, anders als sonst, nicht einmal lügen müssen.

Was ich vor allem aus dem Panel mitgenommen habe ist die Idee von Koretzky, eine Art „Pressekorps“ aufzustellen. Leute, die #GamerGate unterstützen und bereit sind direkt und überprüfbar mit Journalisten zu sprechen. Das können „E-Prominente“ wie Sargon oder Vee („Jöörrrnalists!“) sein oder Menschen wie Munoz oder Oliver Campbell, die sich als so etwas wie die „#GamerGate-Philosophen“ etabliert haben. Menschen bei denen Lynn Walsh „einen Namen und ein Gesicht“ vor sich hat. Natürlich dürfte eine solche Funktion keine Führerschaft oder einen Alleinvertretungsanspruch bedeuten und die entsprechenden Personen sollten von der Sorte sein, die das auch versteht. Sonst muss wieder irgendwer die Spaghetti aufputzen.

Leider nahm die Veranstaltung, wie berichtet, ein abruptes Ende und die Zuschauer werden vielleicht nie erfahren, was das Ziel war, auf das zu Koretzky die Diskussion zu steuern schien oder ob es dieses Ziel überhaupt gab. Am Anfang hatte er explizit gesagt, es gebe kein Drehbuch.

Nach der Evakuierung organisierte Derek Smart einen Live-Stream über Periscope (hier gibt es die Aufzeichnung), in dem der Zuschauer verfolgen konnte, wie die Konferenz-Teilnehmer vor dem Gebäude andere anwesende Journalisten (die selber an anderen Veranstaltungen parallel zu Airplay teilgenommen hatten), über den #Hashtag aufklärten. Derek Smart und die anderen Teilnehmer waren nach der Bombendrohung plötzlich auch für die Lokalmedien interessant und Smart merkte an, das in jedem Interview die erste Frage die gleiche sei: „War die Bombendrohung von #GamerGate?“. Leider gibt es immer noch kein zufriedenstellendes Tonmaterial von der improvisierten Fortsetzung der Konferenz im Hof eines leerstehenden Hauses, die verfügbare Aufzeichnung ist eher fragmentarisch.

Aber auch so, mit kleinen Kritikpunkten an Einzelpersonen und der etwas zu freien Form des zweiten Teils sowie dem vorzeitigen Ende ist mein Fazit immer noch positiv. #GamerGate hat dem Mythos, es sei eine Gruppe frauenverachtender, gefährlicher Neandertaler eine tiefe Wunde zugefügt. Und wie heißt es so schön: „Was blutet, das kann man auch töten!“

 

 


 

Informativer Zusammenschnitt der Konferenz (Englisch) von LeoPirate


 

Die deutsche Presse hat, wie leider zu erwarten, so gut wie nicht über die Konferenz berichtet, einzig SWR3 hat eine Meldung gebracht, von der ich im ersten Moment ob der fast neutral zu nennenden Haltung begeistert war (Nach einem Jahr reichen mir offensichtlich schon Kleinigkeiten, um mich zu freuen). Leider hat mich dann jemand gebeten, mal auf die Links zu klicken und da waren wieder all die üblichen Vorurteile, Fehlinformationen und Lügen. Seufz.

Die eigentlich klar gegen #GamerGate positionierte amerikanische Seite „Polygon“ hat ebenfalls einen überraschend neutralen Artikel über die Konferenz und die Bombendrohung geschrieben. Das gab jede Menge Kritik von „E-Prominenten“ und führte schließlich dazu, das die Redaktion die Kommentare zum Artikel geschlossen hat, die Beleidigungen hatten überhand genommen. Wenn man so drüber schaut, waren es eher keine #GamerGate-Befürworter, von denen die Angriffe kamen.

Derek Smarts Blogeintrag über seine Erfahrungen auf der Konferenz ist absolut lesenswert (Englisch).

Die Beiträge von Milo Yiannopoulos und Christina H. Sommers sind in Textform verfügbar und enthalten auch die Passagen, die auf Grund der fehlenden Zeit während der Konferenz nicht zum Einsatz kamen (Englisch).

HINWEIS: Ich habe nachträglich einen Link zu Derek Smarts Periscope-Stream eingefügt und Fehler verbessert.

Inzwischen gibt es vollständige Transkripte der Panels: Morgen Nachmittag (Englisch) – Danke an Tim Daniels, der sich die Mühe gemacht hat!

 

 

 

 

SPJ Airplay – DerNachmittag

Dieser Artikel behandelt die Diskussionen und Geschehnisse im zweiten Teil der Konferenz SPJ Airplay. Grundlegende Informationen zu SPJ Airplay erfährt der geneigte Leser im ersten Teil des Artikels.

Miami Vice

Nach einer um fünfzehn Minuten überzogenen Mittagspause beginnt der zweite Teil der Konferenz. Koretzky begrüßt die zurückgekehrten Zuschauer und eröffnet die zweite Runde mit einer Ankündigung, die leider nur wenige Zuschauer überrascht haben dürfte: Es hat eine Bombendrohung gegen SPJAirplay gegeben. Auf Grund der hohen Sicherheitsvorkehrungen vor Ort geht er davon aus, dass es sich um einen Bluff handelt. Es mutet wie eine Formalität an, als Koretzky den Zuschauern und Teilnehmern anbietet, die Konferenz wegen Sicherheitsbedenken zu verlassen. Niemand geht.

Es folgt eine kurze Vorstellungsrunde. Auf der #GamerGate-Seite haben jetzt folgende Teilnehmer Platz genommen: Christina Hoff Sommers, eine ehemalige Philosophie-Professorin und Host der Videoreihe ‚The factual Feminist‘ sowie Cathy Young, eine Journalistin, die unter anderem für reason.com schreibt und Milo Yiannopoulos, Kolumnist für breitbart.com und auf eine Weise so etwas wie der Hofnarr von #GamerGate.  Auf der neutralen Seite sitzen ihnen, wie auch im ersten Panel, Lynn Walsh, Ren LaForme und Derek Smart gegenüber.

Koretzky eröffnet die Diskussion mit der Möglichkeit für jeden der neuen Teilnehmer, seine Meinung zum gestellten Thema ‚Wie sollten Mainstream-Medien mit amorphen Bewegungen im Internet umgehen‘ in einer Minute darzulegen. Er schickt die Warnung voraus, dass Menschen, denen die Morgensitzung zu unstrukturiert war, mit dem zweiten Teil noch größere Probleme haben werden. ‚Es gibt kein Drehbuch!‘.

Milo (wer sonst) ist als Erster dran. Mit gewohnt großen Gesten gibt er den Anwalt der Gamer, und schiebt die Schuld an der ‚berüchtigten‘ ‚Law & Order SVU‘ Folge den Spielejournalisten zu. In dieser Krimi-Serie lösen die Mitglieder der ‚Special Victims Unit‘ (dem #GamerGate zugeneigten Leser wird ein Hauch von Wortwitz auffallen) Fälle, die sich an das aktuelle Mediengeschehen anlehnen. In diesem Fall wurde also ‚#GamerGate ‚ mit allen üblichen Klischees verhackstückt und der arme IceT musste die Suppe auslöffeln. Milo führt aus, dass die einseitige Berichterstattung der Spielesites praktisch eine Drehbuchvorlage  war. Nach dem Beginn von #GamerGate hätten sie angefangen, ihr Publikum offen zu verachten und zu provozieren. Mit Hilfe der Ergebnisse solcher Provokationen würden ‚Beweise‘ konstruiert, wie feindlich und wenig einladend die Tech-Szene für Frauen sei. Dabei seien die Game- und Techindustrie extrem frauen- und minderheitenfreundlich. Solche Vorurteile  würden sich verselbstständigten und am Ende zu einer Umgebung führen, in der es in Ordnung ist ‚#kilallwhitemen‘ zu twittern. Die Journalisten, so Milo, würden versuchen in die Rückzugsräume der Spieler einzudringen und ihnen ihre Möglichkeit zum Eskapismus zu rauben, indem sie versuchten, Spiele und die Spieleszene zu politisieren.

Nach Yiannopoulos ist Christina H. Sommers dran. Sie beginnt mir einer Anekdote. Auf Twitter habe ein Journalist einen Tweet aufgegabelt der sich ungefähr so übersetzen lässt: ‚Ich schwöre, wenn es keine großen Möpse mehr gibt, bin ich raus‘. Dieser Journalist habe dann selbst einen Tweet geschrieben, ohne vorher die Fakten zu prüfen (wie es leider immer üblicher wird), sinngemäß:’Der hier sagt alles über #GamerGate in einem perfekten Tweet‘. Sommers sieht es eher anders herum: der Tweet des Journalisten entlarve seine Vorurteile. In dem Tweet ging es weder um Spiele, noch kam er von einem hypermaskulinen Gamer. Er stammte von einer jungen lesbischen Frau, die sich zur Zensur auf reddit geäußert hatte. So sieht Sommers auch die allgemeine Sicht der Medien auf Gamer und #GamerGate: Schlecht informiert oder absichtlich ignorant um einer Ideologie zu dienen. Während die Medien die Konsumentenrevolte mit den schrecklichsten Taten in Verbindung bringe, habe sie tolerante, gesprächsbereite Menschen getroffen, von denen die meisten für die Gleichberechtigung der Geschlechter seien. Sie bestreite nicht, dass es Drohungen und Hass gegeben habe, aber die Medien hätten sich ausschließlich auf die ‚Damsels in Distress‘ (Maiden in Not) einer Seite konzentriert, während Menschen auf beiden Seiten bedroht wurden.

Nachdem Sommers bereits auf den UVA-Skandal im ‚Rolling Stone‘ angespielt hatte, nennt Cathy Young #GamerGate ‚UVA ohne Korrekturen oder Richtigstellungen‘. In dem Fall hatte eine Autorin des ‚Rolling Stone‘ einen Bericht über eine angeblich Gruppenvergewaltigung an einer amerikanischen Uni geschrieben. Als Quellen hatte sie nicht viel mehr als die Aussagen des Opfers. Als die Geschichte landesweit Schlagzeilen macht, recherchiert auch die Washington Post. Nachdem die ersten handfesten Zweifel auftauchen, fällt das Kartenhaus der Vorwürfe ziemlich schnell zusammen und der ‚Rolling Stone‘ muss die schweren Anschuldigungen gegen die Studentenverbindungen und die Leitung der Uni revidieren. Im Fall #GamerGate sei bisher keine Richtigstellung erfolgt. Der Fall mache auch klar, das ein traumatisiertes Opfer zwar nicht bedrängt, aber doch befragt werden sollte, um den Wahrheitsgehalt eines Vorwurfs zu prüfen, bevor über den Fall in den Medien berichtet wird.

C. Young, C.H. Summers, M. Yiannopoulos / Bild: SPJAirplay Stream

C. Young, C.H. Summers, M. Yiannopoulos / Bild: SPJAirplay Stream

Worüber reden wir hier eigentlich?

Bevor Cathy Young ihre kurze Einführung beenden kann, mischt sich Moderator Koretzky ein: ‚Das ist alles schön und gut, aber hast nichts mit unserem Thema zu tun‘. Young ist offensichtlich verblüfft, Milo ist kurz angebunden: ‚Wir sind auf dem Weg zum Thema‘. Koretzky antwortet: ‚Ich will aber schon dort anfangen‘. Schließlich sollen die neutralen Teilnehmer ihre Erkenntnisse aus der Einführung darlegen. Lynn Walsh reagiert in gewohnter Manier:’Wenn ich eine Story wie in Cathys Beispiel schreiben würde, würde ich natürlich die Vorwürfe des Opfers überprüfen. Man ist respektvoll und unaufdringlich, aber es gehört einfach zu meinem Job‘. Koretzky fragt weiter: ‚Wo ist die Trennlinie zwischen Ethikfragen und ‚Social Justice‘ (etwa: Salonmarxismus)?‘ Milo antwortet: ‚Sie sind untrennbar verbunden‘. Er sieht einen direkten Zusammenhang zwischen Ideologie und der Bereitschaft unethisch zu handeln. Langsam sieht man an seinen Reaktionen, dass ihm Koretzkys Nachfragen gehörig gegen den Strich gehen.

Aber der Moderator setzt wieder an: ‚Hier geht es um den Umgang der Medien mit GamerGate. Wahrscheinlich habe ich viel kleinere Erwartungen an die Ergebnisse von AirPlay als ihr‘. Auch Christina Hoff Sommers wagt einen neuen Versuch: ‚Diese Leuten stellen ihre Ideologie über andere Dinge‘, ihr Handy fängt an zu vibrieren und Koretzky nutzt die Ablenkung, um auch diesen Ansatz gleich wieder zu unterbinden. ‚Vielleicht sind euch die Fragen, die ich euch eigentlich stellen will, auch einfach zu banal, aber ich versuche es noch einmal. Mit einer führerlosen Gruppe wie ‚Occupy Wallstreet‘ oder ‚Black Lives Matter‘ zu sprechen ist schwer für Journalisten.‘ Milo ist jetzt, so scheint es, einmal zu oft unterbrochen worden: ‚So schwer ist es nicht. Ich mach das seit einem Jahr‘ schnauzt er Koretzky an, der wiederum einen Gang hochschaltet: ‚Sind deine Kolumnen zu #GamerGate auf Breitbart Berichterstattung oder Meinung?‘. Milo geht in die Defensive: ‚Ein bisschen von Beidem‘. Koretzky sieht seine Chance:’Aber das war doch ein Problem für die Vertreter von #GG im Morgenpanel ?‘.

Ab diesem Punkt eskaliert der Zickenstreit zwischen Moderator und Selbstdarsteller endgültig. Glaubt Milo zu wissen, was GamerGate denkt? Hat er genug Leute interviewt, um einen ausreichenden Eindruck zu gewinnen? Einigung wird nicht erzielt und Koretzky ordnet Milo euphemistisch ‚einer anderen Art Presse‘ als die anwesenden neutralen Journalisten zu. Christina Summers versucht die Diskussion zu beruhigen und führt die Aktion von Brad Glasgow als gutes Beispiel an: Der Journalist Glasgow hatte in einem der Diskussionszentren der Unterstützer des Hashtags, /r/KotakuinAction, ein ‚Massen-Interview‘ durchgeführt und versucht, so ein Meinungsbild von #GG zu bekommen. Die Resultate sowie eine Analyse wurden auf gamepolitics.org veröffentlicht.

Ren LaForme findet die Idee unwissenschaftlich und eher zum Lachen. ‚Es gibt einen großen Teil der Welt, der nicht auf reddit ist“. Koretzky stellt klar, dass man als ‚richtiger‘ Journalist nicht einfach irgendjemanden auf reddit zitieren könne, das ginge nur in Nischenbereichen. Er holt aus und erzählt von einer Reportage über ‚Furries‘, die er gemacht hat, einer Subkultur, die kein Interesse an Medienpräsenz hat. Solche Menschen könnten in den Medien anonym bleiben‘. Weiter kommt er nicht, wieder folgt ein Wortgefecht über Kleinigkeiten zwischen ihm und Yiannopoulos.

Derek Smart hat schon eine halbe Stunde schweigend zugehört und beobachtet, jetzt macht er sich Luft. Er wendet sich an Koretzky: ‚Du machst hier das gleiche mit #GamerGate, was die Medien auch machen. Sie dürfen nicht über das Narrativ sprechen, das im Mittelpunkt all dieser Probleme steht‘. Der Moderator schiebt ihn auf die Warmhalteplatte und erzählt seine Furry-Anekdote zu Ende, anschließend spricht Lynn Walsh darüber, warum man mit freundlichem Fragen weiterkommt als mit Angriffen und fragt: ‚Wenn ich über GamerGate schreiben soll, worüber schreibe ich da eigentlich, besteht da öffentliches Interesse?‘ Milos Laune wird immer schlechter: ‚Es hilft schon mal nicht, wenn du Journalist bist, GamerGate findet alle Journalisten Scheiße!‘ Lynn Walsh sagt, sie habe aus dem ersten Panel andere Schlüsse über #GamerGate gezogen, die der zweite Teil der Konferenz nun in Frage stelle. Summers macht einen guten Punkt: Wenn es an öffentlichem Interesse gemangelt habe, warum hätten dann fast alle Medien unisono wohlwollend über die andere Seite des Konflikts berichtet? Koretzky will davon nichts hören : ‚Nehmen wir an, alles Böse in der Vergangenheit war so, wie ihr das sagt. Was können wir machen, damit es in Zukunft besser läuft? Wenn Lynn Walsh einen Artikel zum ersten Jahrestag von GamerGate schreiben sollte, wer wären ihre Ansprechpartner?‘

Cathy Young, die vor fast einem Jahr genau in dieser Lage war, sagt, dass man einfach zusehen muss, auf Twitter oder in anderen Netzwerken, beobachten, mitlesen und potentielle Interviewpartner herausarbeiten. Koretzky fragt nach: Was habe diese zufälligen Quellen gesagt? Hat Young auch die Gegenseite einbezogen, wie es #GamerGate von Journalisten fordert? Gegen den letzten Vorwurf verteidigt sich Cathy Young mit der Tatsache, dass es zum Erscheinungszeitpunkt ihres Artikels eigentlich nur Artikel über die Gegner des Hashtags gab: ‚Ich hatte kein Interesse daran, eine tausendfach geschriebene Geschichte noch mal zu erzählen.‘

Derek Smart hat jetzt noch einmal fast eine halbe Stunde gewartet: ‚Hier im Programm steht: Wie gehen die Mainstream-Medien mit Internetbewegungen um. Jetzt ist fast eine Stunde rum. Wann reden wir darüber?‘ Er sieht Koretzkys Fragen als Fangfragen, die zum von Koretzky gewünschten Diskussionsergebnis führen sollen. Gleichzeitig kritisiert er, dass Themen wie Feminismus an Stelle von Ethik behandelt werden.

R. La Forme, L. Walsh, D. Smart/ Bild: SPJAirplay Stream

R. La Forme, L. Walsh, D. Smart/ Bild: SPJAirplay Stream

Netzprominenz als Ansprechpartner?

Mit seiner nächsten Frage scheint der Moderator Smarts Verdacht erhärten zu wollen: ‚Was wenn ein Reporter einfach zu den ‚E-Celebs‘ wie Oliver Campbell oder Sargon of Akkad, den YouTube-Streamern, gehen würde?‘ Klar auf Dissens gezielt, nimmt Milo dem Ansatz den Wind aus den Segeln: ‚Dann tun er verdammt viel mehr als CBS, BBC und all die anderen Medien.‘ Genau das hätten diese nämlich nicht getan. Young und Summers rufen die Namen weiterer ‚Übeltäter‘. ‚Washington Post‘ und ‚New York Times‘ gehen im Applaus unter.

Koretzky läßt durchblicken, worauf er hingearbeitet hat: Sollte es nicht eine Liste von Streamern und anderen Leuten geben, die bereit sind mit Journalisten über das Thema zu sprechen? Wenn LaForme oder Walsh einen Artikel zum Jahrestag schreiben wollten, was würden sie auf der Basis des bisherigen Gesprächs als erstes tun? La Forme erklärt, dass er zu einem Thema, von dem er selbst wenig Ahnung hat, Informationen bei einem Spezialisten einholen würde, in diesem Fall wohl bei den ‚E-Prominenten‘. Er gibt zu bedenken, dass solche Recherchen Zeit kosten, die im heutigen Journalismus knapp sei. Lynn Walsh weiß gar nicht so recht, wo sie einen Aufhänger finden sollte, der GamerGate für ein Mainstream-Publikum interessant machen würde. Milo stellt die Gegenfrage, was GamerGate machen könne, damit die Medien nicht immer nur über Drohungen und Beleidigungen berichten und den Gamern zuhören, etwa bei Hinweisen zur kritischen Einschätzung von Quellen. Lynn Walsh will vor allem Beweise, belastbares Material, das z.B. auf früheres Fehlverhalten hinweist und dann müssten die Journalisten ihre Arbeit machen: Fakten checken. Milo hakt ein: ‚Aber genau das haben sie nicht getan, sie waren nur an Drohungen und Beleidigungen interessiert‘. Cathy Young stimmt zu, nicht nur das, sondern die Medien haben die Storys der Gegenseite veröffentlicht und so das Narrativ von der Hassgruppe in die Welt gesetzt, ohne Beweise zu suchen oder sich um die Möglichkeit zu scheren, dass die Drohungen durchaus auch von sogenannten Trollen stammen könnten.

Zum Thema Trolle hat Koretzky etwas zu sagen. Ihm wurden Informationen zugespielt, dass eine Gruppe dieser Internet-Störer sich verabredet haben sollen, um bei SPJAirplay als GamerGate-Sympathisanten aufzutreten und die Veranstaltung zu kippen. Einer von ihnen hat damit geprahlt einen guten Ruf in #GamerGate-Kreisen zu genießen. Sein Vorhaben, Koretzky zu doxxen ist dann allerdings wohl im Sand verlaufen. Wie sollten Journalisten mit solchen anonymen Informationen von selbsternannten Trolljägern umgehen? Lynn Walsh möchte nur im äußersten Notfall auf wirklich anonyme Quellen zurückgreifen müssen und solche Informationen nur indirekt für weitere Nachforschungen einsetzen.

Koretzky möchte  jetzt wissen, wie viel Zeit man aufwenden muss um in das Thema einzusteigen, Young sagt eine Woche reicht um sich einzulesen, Milo stimmt zu. Koretzky fügt hinzu, das Journalisten und Gamer auch bei Meetups wie #GGinBoston aufeinander treffen könnten. Milo gibt zu Bedenken, das Anonymität im Internet dazugehört und das Journalisten sich darauf einstellen müssen. LaForme lobt noch einmal Paolo Munoz, eben weil er bereit war, im ersten Panel sein Gesicht zu zeigen und so aus der Anonymität herauszutreten, GamerGate brauche mehr Leute von seiner Sorte. Milo: ‚Dafür wird dann halt die Familie von dem armen Kerl gedoxxt.‘ An die Adresse von Lynn Walsh gerichtet fügt er hinzu, das Publikationen, die strukturell offensichtlich nicht in der Lage sind, adäquat über das Internet zu berichten, es lieber lassen sollten.

Milo ist voll konzentriert / Bild: SPJAirplay Stream

Milo ist voll konzentriert / Bild: SPJAirplay Stream

Derek Smart hat nicht viel gesagt, hat aber – soviel sei meiner später folgenden Analyse vorweggenommen – auf meiner Punktrichterkarte die meisten Striche unter den Teilnehmern. Er berichtet von Menschen in seinem Umfeld, Akademikern und Spieleentwicklern, die sich nicht trauen ihre Unterstützung für #GamerGate öffentlich zu machen, weil sie Angst vor den Taktiken der Gegenseite haben. Dies sei der Grund für die große Menge anonymer Unterstützer des Hashtags. Leider will Koretzky auch hier eine Frage unterbringen, er fragt Smarts Panelkollegen nach dem Unterschied zwischen journalistischer und echter Anonymität, die dann auch brav erläutert wird: Im einen Fall kennt nur der Leser den Namen der Quelle nicht, im anderen auch der Journalist.

Smart sagt, das es um Vertrauen geht. Wenn ein Whistleblower zur ‚New York Times‘ gehe, tue er das, weil er dieser Institution vertraut. Die Spieler würden der Spielepresse eben nicht vertrauen. Darauf Koretzky: ‚Es geht hier aber um die Mainstream-Medien‘ und Milo macht den Deckel drauf: ‚Euch trauen sie auch nicht‘.

Cathy Young berichtet danach von einem Interview, das ein Reporter mit ihr per Email geführt habe und bei dem schon an den Fragen abzulesen gewesen sei, das er nur an den üblichen Vorurteilen zum Thema interessiert gewesen ist. Bei diesem Thema stimmen alle Journalisten auf dem Podium mal überein: Email allein sollte das letzte Mittel sein, um ein Interview zu führen. Von Cathys Antworten war nach ihren Angaben im finalen Artikel nichts zu lesen, sie hatten wohl nicht zur Ideologie des Autors gepasst.

Abruptes Ende

Und dann ist es auf einmal vorbei. Stimmengewirr, ein Polizeifunkgerät quäkt, alle stehen auf, verlassen den Raum. Ein paar Minuten später die Gewissheit: Eine Bombendrohung. Das Koubek-Center (und im Anschluss auch umliegende Wohnhäuser) werden geräumt und durchsucht. Eine Bombe wird nicht gefunden.  Der offizielle Teil von SPJAirplay ist zu Ende.

Link zur Aufzeichnung des Nachmittags-Streams


 

Ich bin mir bewusst, das ich hier eine ziemliche Bleiwüste geschaffen habe, aber es ging mir vorrangig darum, den groben Inhalt auf Deutsch zur Verfügung zu stellen, so dass jedem Interessierten die Informationen zur Verfügung stehen.  Ein dritter Artikel zu SPJAirplay erscheint im Laufe des Montags und wird meine Analyse und ein paar Worte über den nachfolgenden Impromptu-Stream von Derek Smart sowie das Medienecho auf die Konferenz enthalten.

Wer mehr lesen will und mit Englisch kein Problem hat, dem sei Rise: Miami News empfohlen. Die lokale Nachrichtenseite aus Miami hat nach der Bombendrohung erst #GamerGate im Verdacht gehabt – wen auch sonst – wurde aufgeklärt, hat zugehört und als Friedensangebot  die Möglichkeit in den Raum gestellt, Artikel aus dem Umfeld von #GG zu veröffentlichen, sofern sie einigen Mindeststandards entsprechen. Inzwischen sind einige davon erschienen und die Meisten sind richtig gut.

 

 

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