Monat: Oktober 2020

Kurze Beine II – Electric Boogaloo

Ich bin es ja gar nicht mehr gewohnt, mehrere Artikel für diesen Blog in einem Monat zu schreiben. Aber da wir in interessanten Zeiten leben, werde ich mich der Herausforderung stellen. Letzte Woche haben wir uns dem ersten Teil der Artikelserie über #GamerGate auf der Website der Initiative „Keinen Pixel den Faschisten“ gewidmet, heute beginnen wir gemeinsam, den zweiten Teil mit dem Titel: „Die Allianz der Anti-Feministen“ zu sezieren. Der abschließende Teil dieser Kritik erscheint in den kommenden Tagen.

Der Artikel eröffnet mit einem Zitat von Zoe Quinn:

Noch einmal, ich werde nicht mit Terroristen verhandeln. Die Vorstellung, dass ich ein Manifest über mein Sexleben, geschrieben von einem rachsüchtigen Ex, widerlegen muss, um weiterhin ein Teil der Videospieleindustrie zu bleiben ist widerlich, und ich werde es nicht tun.”

Allerdings war es auch gar nicht möglich oder nötig, den „Zoepost“ zu widerlegen. Die in diesem Post geteilten Informationen waren nicht nur mit entsprechenden Originalquellen untermauert, auch die Reaktionen der Betroffenen oder ihrer Arbeitgeber unternahmen meist nicht einmal den Versuch, die Vorwürfe zu entkräften. Es wurde stattdessen versucht, z.B. die journalistischen Verfehlungen von Nathan Grayson klein zu reden.

Es folgt eine Liste von angeblichen Opfern der Konsumentenrevolte #GamerGate:

Felicia Day – Die Schauspielerin wird nach einem kritischen Kommentar zu #GamerGate angeblich gedoxt. Als Beweisstück für die Schuld der Gamer wird das Twitterhandle des Doxers angeführt: @gaimerg8. Abgesehen davon, dass es sich offensichtlich um eine Verballhornung des Hashtags handelt, gibt es auch in diesem Fall keine handfesten Beweise, dass es sich bei dem Poster nicht um einen Troll oder sogar um eine „False Flag“-Operation handelt. Die Reaktion in den Unterstützerkreisen fällt laut diesem Artikelausschnitt ganz anders aus:

„Aber auf r/KotakuinAction, einem zentralen #GamerGate-Hangout, scheinen die Mitglieder genauso angewidert und zornig zu sein, wie alle anderen. Ein von dem User „rhoark“ gestarteter Thread mit dem Titel „GamerGate verurteilt den Dox gegen Felicia Day“ sammelt mehr als 200 Kommentare, die meisten unterstützen Day und verurteilen die Vorkommnisse.“

AJA ROMANO AUF DAILYDOT.COM

Tim Schafer – Der Spieleentwickler („Monkey Island“) hat sich von Anfang an mit provozierenden Kommentaren hervorgetan. Er hat keine Gelegenheit ausgelassen, sich über #GamerGate lustig zu machen und seine Twitter-Gefolgschaft gegen die Konsumentenrevolte aufzuhetzen. Höhepunkt der traurigen Veranstaltung war ein Auftritt bei der „Game Developers Conference“, bei dem er #GamerGate vorwarf, nichts weiter als eine kleine Gruppe zu sein, die den Rest der Online-Welt mit „Sockenpuppen-Accounts“ terrorisiere. Das sind sicherlich keine Gründe, um jemandem zu drohen oder ihn zu beleidigen, aber Schafer ist auch kein Unschuldslamm. Wie so oft gilt hier: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus“.

Nathan Grayson posiert in einem Shirt mit der Aufschrift „cuties killing video games“ Design und Vertrieb: Maya Kramer und Zoe Quinn.

Jenn Frank – Die Journalistin beendet ihre Karriere öffentlich und gibt #GamerGate die Schuld an ihrem Rückzug aus der Branche. Wer sich näher mit dem Fall befasst, findet früher oder später heraus, dass Jenn Frank nicht nur Zoe Quinn via Patreon finaziell unterstützte, während sie gleichzeitig eine glühende Verteidigung der „Depression Quest“-Entwicklerin schrieb, sondern dass sie zur gleichen Zeit auch von Maya Kramer, Quinns Freundin und Partnerin („cuties killing videogames“) finanziell unterstützt wurde. Eine unvollständige Offenlegung dieser Verbindungen wurde später zu ihrem Artikel im „Guardian“ hinzugefügt. Jenn Frank war also nicht, wie oft behauptet, wegen ihres Geschlechts Ziel der Kritik durch #GamerGate-Unterstützer, sondern weil sie Teil des Indie-Circlejerks war, wo Journalisten Entwickler unterstützten über die sie schrieben, oder Entwickler Journalisten alimentierten, die über ihre Produktionen berichteten.

Chris Kluwe – Der ehemalige, mittelmäßig erfolgreiche Profi-Football Spieler („Minnesota Vikings“) tat sich während #GamerGate vor allem durch seine provokante Rhetorik hervor. Er wurde nicht müde, die Unterstützer des Hashtags zu beleidigen und herauszufordern.

„Als wären sie [die Unterstützer von #GamerGate, Red.] alle kleine Anne Franks, die sich in ihren Kellern vor den politisch korrekten Nazis und den „Social Justice Warrior“-Brigaden verstecken und verzweifelt die letzten Fetzen des „Core Gaming“ beschützten, indem sie unironisch schreckliche Blogeinträge schreiben, voll mit offensichtlichen weißen Privilegien und schlecht verstecktem Frauenhass. „Erst kamen sie, um Halo 2 abzuholen, aber ich habe nichts gesagt“.“

CHRIS KLUWE AuF CAULDRON.COM

Wie abartig dieser Vergleich mit Anne Frank ist, kann ein amerikanischer Footballer, der eventuell einmal zu oft einen Schlag auf den Kopf bekommen hat, wahrscheinlich gar nicht ermessen. Mich, als deutschen Unterstützer von #GamerGate widert so ein geschichtsvergessenes Geschmiere dafür doppelt an. Das man für solche Aussagen Kritik und Gegenwind erntet sollte sich von selbst verstehen.

Jimmy Wales – Was genau dem Gründer von Wikipedia widerfahren ist, kann ich weder dem Artikel noch dem verlinkten Screenshot entnehmen. Wenn ich letzteren richtig interpretiere, geht es darum das Wales seine Stellung innerhalb des Wikipedia-Systems ausgenutzt hat, um Menschen zu protegieren oder ihnen zu schaden. Beides wäre ein gerechtfertigter Anlass, ihn zu kritisieren. Die heftigste „Drohung“ die ich finden konnte, war ein reddit-User, der Wales vor die Wahl stellte, einen neutralen Wikipedia-Eintrag zu #GamerGate zuzulassen oder auf seine Spende an die Wikipedia-Stiftung zu verzichten.

Nach der Parade der angeblichen Opfer fährt der Artikel mit seiner Betrachtung der Entwicklungen im August und September 2014 fort.

„Die Journalistin Leigh Alexander veröffentlicht einen Kommentar auf dem professionellen Videospieleportal Gamasutra unter dem Titel “Gamers’ don’t have to be your audience. ‚Gamers’ are over.”

Unter dem anhaltenden Eindruck der Kampagne gegen Zoe Quinn und andere stößt der Artikel auf einige Resonanz in der Fachpresse: Websites wie KotakuPolygon oder Ars Technica greifen Alexanders Kommentar auf und veröffentlichen ihre eigene Interpretation der Ereignisse und was sie für die Zukunft der Videospielebranche bedeuten könnten.

Für die GamerGater bedeutet dies vor allem eins: Alle diese Artikel, die unter dem bewusst irreführenden Titel “Gamers are dead” zusammengefasst werden, sowie die Websites auf denen sie veröffentlicht wurden, sind Teil der Verschwörung gegen die alle “Gamer” ankämpfen, deren wahre Vertreter #GamerGate ist. [sic!]“

„Der bewusst irreführende Titel“. Aha. Wenn also binnen weniger Tage (in manchen Fällen nur Stunden) fast zwanzig Artikel erscheinen, die mehr oder weniger den gleichen Inhalt haben und Titel wie „Der Tod der ‚Gamer‘ und die Frauen, die sie getötet haben“ oder „Eine Anleitung, wie man ‚Gamer‘ beendet“ ist die Bezeichnung „Gamer sind tot“-Artikel also bewusst irreführend.

Das es sich hierbei um eine zufällige Konzentration hasserfüllter Angriffe auf Menschen, die eine Leidenschaft für Videospiele hegen, gehandelt hat, mag glauben wer will. Die Legende, dass andere Redaktionen einfach nur als Reaktion auf Leigh Alexanders „‚Gamer‘ müssen nicht euer Publikum sein, ‚Gamer‘ sind vorbei“ (ein scheußliches Schmierstück voller persönlicher Angriffe) eigene Artikel geschrieben haben, kann ob der Tatsache, dass die Hälfte der Artikel am gleichen Tag wie Alexanders Machwerk erschienen sind, getrost ignoriert werden. Auch wenn eine Koordination zwischen den Redaktionen bisher nicht bewiesen werden konnte, sprechen die Fakten doch eine klare Sprache.

Vor allem der Artikel „Eine Anleitung, wie man ‚Gamer‘ beendet“ von Devin Wilson zeigt, wohin die Reise gehen soll. In seinem hasserfüllten Pamphlet finden sich Perlen wie „Wir sollten aufhören ‚Spaß‘ als universelles, ultimatives Kriterium für die Relevanz eines Spiels zu sehen.“ oder „Wir geben der Idee, dass Spiele ‚einfach Spaß machen sollen‘ keine Glaubwürdigkeit. Spiele sind nicht neutral.“

Liste der „Gamers are dead“ Artikel mit Veröffentlichungsdatum des jeweiligen Artikels.

Sein Fazit, „Wir alle werden erwachsen (und fangen damit in diesem Moment an) und wir nehmen die Spiele auf diesem Weg mit. Das bedeutet nicht, das wir ‚fiese‘ oder ‚düstere‘ Spiele machen. Eher, das wir Spiele machen und spielen, wegen derer wir uns nicht schämen müssen und, noch wichtiger, dass wir ehrlich darüber sprechen, weswegen man sich bei Videospielen schämen muss fasst dann noch einmal zusammen, wogegen #GamerGate wirklich kämpft: Den Einfluss einer kleinen, aber durch ihre Medienpräsenz mächtigen Gruppe von Ideologen, die Videospiele zum Vehikel ihrer Propaganda machen wollen.

„Nach der Logik der GamerGater war jeder Widerstand gegen GamerGate Rechtfertigung für weitere Angriffe und Eskalation.“

Das, lieber Autor, ist nicht die Logik von #GamerGate, dass ist die Logik von Ideologen. Und jetzt ist es Zeit für den Auftritt des großen Buhmanns. Bühne frei für Milo Yiannopoulos.

„Dieser Interpretation leistet vor allem ein neuer Akteur Vorschub: Milo Yiannopoulos, Tech-Journalist für die rechtsextreme Website Breitbart.com. Yiannopoulos sollte sich sogleich bei GamerGate beliebt machen, indem er eine angebliche Verschwörung von Videospielejournalisten “enttarnte”. Ohne jede konkrete Beweise behauptet Yiannopoulos, dass die Google-Gruppe “GameJournoPros” hinter den angeblich koordinierten “Gamers are dead”-Artikeln steckt.“

Und auch in diesen Aspekt des Themas steigt der Autor wieder mit eine Lüge ein. Wenn man die entsprechenden Quellen liest, findet man an keiner Stelle die Behauptung, die „Gamers are dead“-Artikel seien in der geheimen Gruppe „Game Journo Pros“ koordiniert worden.

Es scheint, als ob die Emails aus der GameJournoPro-Gruppe den von vielen geäußerten Verdacht bestätigen, dass Videospiel-Journalisten mit einer Stimme sprechen und bei wichtigen Themen kollaborieren, um die Berichterstattung über ethische Verfehlungen zu stören und Persönlichkeiten zu unterstützen, mit denen sie politisch sympathisieren.

Milo Yiannpoulos auf Breitbart

In der Mailingliste, in die man nur durch Einladung aufgenommen werden konnte, fanden sich neben Journalisten übrigens auch PR-Mitarbeiter großer Publisher, wie Ubisoft oder Activision. Warum Spiele-Journalisten und PR-Leute hinter verschlossenen Türen darüber diskutieren sollten, wie man die Branche in der Öffentlichkeit darstellt? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Und auch der Zusammenhang zwischen den „GameJournoPros“ (eine Anspielung auf die einige Jahre vorher aufgeflogene „JournoList“) und #GamerGate ist zweifelsfrei beweisbar. Der damalige Gaming Redakteur bei Ars Technica, Kyle Orland, wollte z.B. eine Solidaritätsaktion für Zoe Quinn starten:

„Vielleicht sollten wir eine öffentliche Solidaritätserklärung zirkulieren lassen, welche diese persönlichen Attacken verurteilt, unterzeichnet von so vielen Journalisten/Entwicklern wie möglich. Vielleicht sollten wir das als Ausrede benutzen, um ihrem Werk mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Ich wollte seit der Veröffentlichung eine Kritik zu „Depression Quest“ schreiben.“

Kyle Orland, Ars Technica

Ja, die Unterstützer von #GamerGate haben sich gefreut, als sich endlich ein Journalist auch für ihre Sicht der Dinge interessiert hat. Wir hätten zu diesem Zeitpunkt – zensiert, diffamiert und öffentlicher Diskussionsplattformen beraubt – wahrscheinlich jeden Journalisten mit offenen Armen empfangen, der bereit war, ohne von vorneherein feststehenden Standpunkt mit und über #GamerGate zu sprechen. Dass es von allen Journalisten ausgerechnet Milo „enfant terrible“ Yiannopoulos war, der sich um die Belange der Gamer gekümmert hat, liegt wohl vor allem daran, dass kein anderer Autor bereit war, sich dem unausweichlichen Hass der selbsternannten „GameJournoPros“ auszusetzen, falls er sich nicht hasserfüllt genug über die „stumpfen Kackschleudern“ (Leigh Alexander über ‚Gamer‘) geäußert hätte.

„Diese stumpfen Kackschleudern, diese heulenden Hyperkonsumenten, diese kindischen Internet-Streihähne – sie sind nicht mein Publikum und sie müssen auch nicht das Eure sein. Es gibt hier keine ‚Seite‘ auf der man stehen könnte, es gibt keine ‚Debatte‘, die zu führen wäre.“

Leigh Alexander auf gamasutra.com

Schalten Sie auch in den kommenden Tagen wieder ein, wenn ich mich mit dem Rest von Teil zwei des Machwerks von „Keinen Pixel den Faschisten“ beschäftige.

Lügen haben kurze Beine

Es ist mal wieder nötig, diesen Blog aus seinem Winterschlaf zu erwecken. Auf der Website der Initiative „Keinen Pixel den Faschisten“ ist der erste Teil einer Serie über #GamerGate erschienen und wie zu erwarten strotzt der Artikel nur so von Lügen. Leider ist kein Autor angegeben, aber ich würde anhand des Stils und der schon öfter von ihr geäußerten Unwahrheiten auf Aurelia Brandenburg als Urheberin der Hetze tippen.

Dem Artikel vorangestellt ist folgende „interessante“ Aussage:

Hinweis: Aufgrund rechtsextremer Inhalte ist es vielfach nicht möglich auf Originalquellen zu verlinken. 

Das macht es natürlich auf der einen Seite einfacher, Lügen unwidersprochen zu verbreiten und zeigt auf der anderen, dass hier keine Diskussion stattfinden soll, sondern das Andersdenkende gezielt diffamiert und in eine Ecke gestellt werden sollen. Dabei ist es dem Autor offensichtlich egal, dass die einzige empirische Untersuchung der Konsumentenrevolte #GamerGate ganz klar zu dem Schluss kommt, dass die Unterstützer des Hashtags deutlich liberaler sind, als der gesellschaftliche Durchschnitt.

Irgendwie gar nicht so rechtsextrem

Es wird im Anschluss eine reichlich verzerrte Geschichte des „Zoepost“ zum Besten gegeben. In diesem Posting hatte Eron Gjoni, der Ex-Freund der „Spieleentwicklerin“ Zoe Quinn ein ziemlich düsteres Bild ihrer Beziehung gemalt, in der Manipulation, Untreue und Lügen an der Tagesordnung waren. Er hat diesen Post nicht verfasst, um seiner Ex zu schaden, sondern um den Rest der Videospielbranche darauf hinzuweisen, wie Quinn manipuliert, um ihre Ziele zu erreichen. Diese Branche war gerade dabei, Quinn zu einer Art Säulenheiligen der Indie-Bewegung zu machen und Gjoni wollte nicht, dass noch weitere Menschen den Machenschaften seiner Ex auf den Leim gehen.

Zentral ist dabei die Behauptung, Quinn habe Eron G. mit Journalisten von diversen Videospiele-Publikationen betrogen, um damit positive Bewertungen oder Berichte für sich und Quinns Spiel “Depression Quest” zu erhalten.

Diese Behauptung ist falsch. Im „Zoepost“ ist die Behauptung, Quinn habe für „positive Bewertungen“ für ihr Spiel mit Journalisten geschlafen, nicht zu finden. Auch in dem im Zitat von „Keinen Pixel“ verlinkten Screenshot eines chan-Posts wird das nicht behauptet.

Die Moderatoren und Administratoren der Foren fackeln nicht lange: Sie bannen Eron G. und löschen alle seine Links, da “The Zoe Post” Doxx enthält, das heißt persönliche Informationen, die es ermöglichen Zoe Quinn online und offline zu identifizieren und zu belästigen.

Der „Zoepost“ enthält keine Informationen, die man als „Dox“, also die Verbreitung von bisher unbekannten persönlichen Informationen wie Adressen oder Telefonnummern, bezeichnen könnte. Das hat sich der Autor von „Keinen Pixel“ wohl einfach ausgedacht.

Wenn jemand bereits bei den grundlegenden Fakten den Drang verspürt, die Ereignisse durch Lügen zu dramatisieren, wie authentisch kann dann der Rest des Artikels sein?

Dass diese positiven Bewertungen nicht zu finden sind, dass die von Eron G. behaupteten zeitlichen Abläufe nicht zusammenpassen und dass es für die angebliche Untreue nicht mehr als G.s Aussage gibt, spielt dabei keine Rolle für die Teilnehmer des sich bildenden Mobs.

Für die Untreue – die ohne die Verbindung zu Journalisten überhaupt nicht von Interesse wäre – gibt es schon im „Zoepost“ Belege in Form von Chatlogs zwischen Gjoni und Quinn. Auch der Chefredakteur von Kotaku streitet nicht ab, dass es zwischen Quinn und seinem Redakteur Nathan Grayson eine Beziehung gegeben hat. Warum tut der Autor von „Keinen Pixel“ so, als gäbe es diese Belege nicht? Bildet euch selbst ein Urteil.

Eron G. hatte bereits umfänglich die privaten Informationen, wie auch Passwörter von Zoe Quinn zur Verfügung gestellt.

Entweder es handelt sich bei der Quelle für diese Behauptung um eine der ominösen „rechtsextremen Quellen“, auf die man nicht verlinken kann, oder der Autor des Artikels hat sie sich einfach ausgedacht, um Gjioni zu dämonisieren. Bildet euch selbst ein Urteil.

Nacktbilder von Quinn, die G. zur Verfügung gestellt hat, werden öffentlich verbreitet.

Langsam aber sicher geraten die Behauptungen des Autors in den justiziablen Bereich. Wäre ich Eron Gjoni, müsste sich der Verfasser auf Post vom Gericht einstellen. Die besagten Bilder stammen aus einer Nacktfoto-Serie, die Quinn schon vor ihrer Beziehung zu Gjoni auf einer einschlägigen Website zum Verkauf angeboten hat. Jeder Interessierte konnte sich die Bilder gegen einen Obolus herunterladen, es ist zu vermuten, dass Quinn dafür Geld erhalten hat. Auch wenn die Nutzung der Bilder, um Quinn zu schaden sicher nicht die feine englische Art ist, hat sie doch selber dafür gesorgt, die Bilder öffentlich zu machen. Gjoni hatte allerdings mit der Verbreitung der Bilder nichts zu tun. Warum behauptet der Autor dann so etwas? Bildet euch selbst ein Urteil.

Zugleich bemüht sich die Community darum, ihre Kampagne weiter zu verbreiten und fokussiert ihre Aufmerksamkeit auf einen Akteur: Den (im Jahr 2018 verstorbenen) Youtuber John Bain, besser bekannt unter dem Namen “Total Biscuit”. Dieser zeigt sich zuerst skeptisch, ändert aber noch am selben Tag seine Meinung und veröffentlicht seine mit Einschränkungen verknüpfte Interpretation des Zoe-Posts an seine über 350.000 Twitter-Follower. Während Bain behauptet, kein Werturteil über die Richtigkeit von Eron G.s Behauptungen treffen zu wollen, erreicht er dennoch eines: Die falschen Anschuldigungen gegen Zoe Quinn verlassen die 4chan-Filterblase und gelangen in den Mainstream.

Wer den Post von Total Biscuit wirklich liest – ich nehme an, der Autor hat das unterlassen – findet etwas ganz anderes: Eine vorsichtige Annäherung an ein Ereignis, dass die Gaming-Szene in ihren Grundfesten erschüttert, ein Versuch, sich einen Weg durch die sich teilweise widersprechenden Informationen zu bahnen und einen Aufruf, Ruhe zu bewahren und Behauptungen zu überprüfen.

Schnell wird diese Interpretation zu einer Narrative umgeformt: Jede Plattform, die nicht bereit ist, die ungefilterten Behauptungen und die intimen Details aus Quinns Leben zu veröffentlichen, sei Teil einer großen Verschwörung von Zoe Quinns Unterstützern, die große Teile der Gaming-Szene und Social Media unter ihrer Kontrolle haben. Die Teilnehmer wiederum inszenieren sich als Saubermänner, die sich um die Parole “Ethics in Videogames Journalism” herum sammeln, obwohl selbst das von den Teilnehmern erstellte Propagandamaterial eine andere Sprache spricht.

Auch hier wendet der Autor wieder einen der ältesten Propaganda-Tricks der Welt an: Er macht aus der umfassenden Zensur jeglicher Diskussion über Quinn, das Fehlverhalten des „Journalisten“ Nathan Grayson und die Auswirkungen auf die Videospielszene eine Zensur, die nur darauf abzielt, „Dox“ und „intime Details“ zu unterdrücken. Das ist falsch. Auf diversen Websites wurde jede Diskussion des Themas unterdrückt. Und aus den später aufgetauchten Chatlogs der geheimen „Game Journo Pros“-Gruppe, in der sich ein Großteil der beteiligten „Journalisten“ organisiert hatte, kann man herauslesen, dass es eben jene „Unterstützer, die große Teile der Gaming-Szene unter ihrer Kontrolle haben“, wirklich gab. Das Detail fehlt allerdings im Artikel von „Keinen Pixel“. Warum? Bildet euch selbst ein Urteil.

Während Zoe Quinn sich zeitweise von Social Media zurückzieht,

Das prominenteste Opfer wird zu diesem Zeitpunkt der streitbare Spieleentwickler Phil Fish (“Fez”)

Auch das nächstes Ziel, die feministische Youtuberin Anita Sarkeesian, ist keine Journalistin. Sarkeesian war durch ihre feministische Videoessays über Videospiele bereits seit langem das Ziel von Anfeindungen gewesen. […] werden die Angriffe auf sie später von John “Total Biscuit” Bain damit gerechtfertigt, dass sie sich mit der bloßen Veröffentlichung ihres Videos selbst in die “Diskussion eingeführt” hätte (“inserted herself into the discussion”).

[…] bis schließlich sogar das FBI involviert wird. Dessen Untersuchungen sind von Zuständigkeitsquerelen und der Schwierigkeit der Strafverfolgung im digitalen Raum geplagt. Der 2017 veröffentlichte ‚über 150 Seiten starke Bericht des FBIs dokumentiert den Umfang des Mord‑, Vergewaltigungs‑, Bomben- und sonstigen Bedrohungen, denen die Opfer von GamerGate 2014 ausgesetzt sind.

Der Bericht des FBI dokumentiert eine Menge Fälle von Bedrohung, allerdings gelingt es laut eigener Aussage nicht, eine handfeste Verbindung zwischen #GamerGate und den Taten herzustellen, zumindest gibt es keine Verhaftungen, Anklagen oder Urteile. Was hier nonchalant unter den Tisch gekehrt wird, ist die andere Seite der Diskussion („Anti-#GamerGate“ bzw. „AGGros“): Gegner der Konsumentenrevolte drohen, beleidigen und doxen Unterstützer des Hashtags und jeden, der nicht sofort auf ihre Sicht der Dinge einschwenkt. Auch die Untersuchung der Initiative „Women Action Media“ kann keine Beweise für einen direkten Zusammenhang zwischen #GamerGate und den Angriffen auf Quinn, Sarkeesian, Fish sowie andere feststellen. Das ist den fanatischen Unterstützern dieser Personen allerdings genauso egal, wie dem Verfasser des „Keinen Pixel“-Artikels. Warum? Bildet euch selbst ein Urteil.

Für einige Wochen werden Gamingforen (SteamNeoGaf, etc.), Wikipedia und Social Media (Twitter, Reddit, Youtube, etc.) mit GamerGate-Inhalten überflutet, die als Kampagnenziele von den Führungsfiguren ausgegeben werden. Selbst Pornoseiten wie Youporn sind davon nicht ausgenommen.

Pure Fantasie des Autors. Es gab eine Aktion namens „Disrespectful Nod“, die sich an Unternehmen richtete, die Werbung auf Seiten schalteten, die sich selbst als Feinde des Begriffs „Gamer“ und der dazugehörigen Subkultur geoutet haben. Das ist ein vollkommen legitimes Vorgehen und die Ziele dieser Aktionen sind mit großer Sorgfalt ausgesucht worden. Es ist schon fast witzig, dass Menschen wie der Autor, die heute selber Teil der „Cancel Culture“ sind, anderen diese Aktionsform verbieten wollen bzw. sie als „Harassment“ klassifizieren.

Was die Youporn-Bemerkung soll erschließt sich mir nicht, vor dem „Keinen Pixel“-Artikel habe ich noch nie von dieser Verbindung gehört. Der als Beleg angefügte Screenshot von irgendeinem Chat-Kanal verwirrt mich durch seine Beliebigkeit nur noch mehr. Ich nehme an, der Screenshot stammt aus einem von Zoe Quinn verbreiteten Konvolut von Chat-Log-Screenshots, bei dem nicht klärbar ist, ob es sich um „echte“ Logs handelt und ob sie bearbeitet wurden oder durch Weglassungen manipuliert sind. Dafür spricht auch der folgende Satz:

Derweil präsentiert sich GamerGate nach außen immer noch als führerlose “Revolte der Konsumenten”. Erst viel später sollte deutlich werden, wie sehr die Kampagne geplant und durch Akteure im Hintergrund, etwa im Chatraum “Burgers and Fries” gesteuert wurde.

Sicher, eine weltweite Gruppe von Menschen, die eigentlich nur in Ruhe ihre Videospiele spielen wollten, ordnet sich komplett den Mitgliedern eines ominösen Chatraums unter und befolgt jeden „Befehl“, den sie von dort erhalten. Ist das die Wahrheit, oder haben wir uns das nur ausgedacht? Bleiben Sie dran, nach der Werbung kommt die Auflösung.

In Teil 2:

Wie sich aus sogenannten Skeptikern, Verschwörungsideologen und Neonazis eine Allianz um GamerGate bildet, die die Aufmerksamkeit einer rechtsradikalen Nachrichtenplattform auf sich zieht.

Ich bin ja so gespannt. Wir sehen uns bald wieder!

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