Radio Fritz frisst kleine Kinder

Nein, machen sie natürlich nicht.

Gestern hat der gebührenfinanzierte Radiosender „Fritz“ (rbb) im Rahmen seiner Netz-Reihe „Trackback“ ein Feature zum Thema „Ein Jahr GamerGate“ gesendet. Darin finden sich so viele der von den Medien stetig wiedergekäuten, unbewiesenen Vorwürfe gegen die Konsumentenrevolte, dass es mir angebracht schien, in meiner Titelzeile einfach auch mal was zu behaupten, was ich nicht beweisen kann. Ich habe nicht einmal den Verdacht, das Radio Fritz Kinder frisst. Vielleicht habe ich das ja auf Gawker gelesen.

So ähnlich wie sich in diesem Fall die Menschen bei Radio Fritz, die sich wohl schlecht beleumundet fühlen würden, würde ich die Titelzeile ernst meinen, fühlen sich die Unterstützer des Hashtags seit einem Jahr. Da behaupten einfach Leute in den Medien (in meinem Fall in sehr kleinen Medien) etwas über einen, von dem man selber weiß, das es nicht stimmt. Und trotzdem muss man es im Falle von #GamerGate immer wieder lesen und hören. Die Zusammenfassung fängt schon mal „gut“ an:

„Gamergate fängt mit dem Wunsch an, das Leben eines Menschen zu ruinieren.“

Es folgt eine kurze Beschreibung der Geschehnisse rund um den Zoepost. Von dem „Internetmob #Gamer Gate“ werde die Spieleentwicklerin ZoeQuinn für feministische Aussagen und „experimentelle“ Spiele gehasst. Zusammen mit den „Behauptungen“ über Nathan Grayson, dessen Name wie fast immer nicht genannt wird, obwohl er derjenige mit der professionellen Verfehlung war, sei daraus die Lüge vom „angeblichen“ Kampf gegen korrupte Spielejournalisten entstanden. Um den in meinen Augen größten Fehler des Redakteurs vorwegzunehmen: SPJAirplay wird im gesamten Feature nicht erwähnt. Da wundert es mich dann auch nicht, dass man beim rbb immer noch die Variante „es gab gar keine ethischen Verfehlungen“ glaubt.

„Die Korruptionsgeschichte um Quinn und ihr Spiel erweist sich als falsch.“

Welche? Die nach der Ben Kuchera sie auf Patreon unterstützte, während er lobend über sie berichtet hat? Die in der Kotaku-Redakteurin Patricia Hernandez zweimal über ihre Freundin Quinn schrieb, ohne ihre Freundschaft offenzulegen (inzwischen wurden auf Druck von außen Hinweise hinzugefügt)? Die von Leigh Alexander, die das Gleiche tat? Oder jene über Nathan Grayson, der gleich drei lobende Artikel über den „powerful Twine-Darling“ schrieb, auch wenn sein Chefradakteur Steven Totilo davon ausging, das dies nichts mit seiner (eingeräumten) Beziehung zu Quinn zu tun habe? Welche dieser Vorwürfe erwiesen sich als falsch, liebes Redaktionsteam?

Heute stelle sich #GamerGate als frauenhassender Mob mit 3 Baustellen vor: Kampf gegen „angebliche“ Korruption im Spielejournalismus, Kampf gegen Feministinnen, die „angeblich“ die Spielekultur zerstören wollen und Hass gegen Quinn, Wu, Sarkeesian und andere. Das erste „angeblich“ hat sich seit SPJ Airplay erledigt. Das zweite „angeblich“ steht für die vielen Stimmen, die  ständig fordern, Videospiele müssten sich „verändern“,“entwickeln“ oder „erwachsen“ werden, was für viele #Gamergate-Unterstützer einer „Zerstörung“ der Spielekultur gleichkäme.

Und das nennt der Moderator dann „einen kurzen Überblick“. Ich nenne das eine einseitige Darstellung, die nichts mit einem gut recherchierten Feature zu #GamerGate zu tun hat. Oder eben unfundierte Stimmungsmache.

Ein Dortmund-Ultra referiert zu Bayern München

Dann gab es noch ein Interview, leider hat die Tonqualität da überhaupt nicht gestimmt, trotzdem habe ich einige der üblichen haltlosen Behauptungen verstehen können. Um zu wissen, mit wem ich es zu tun habe, habe ich mir eine Kurzbio angesehen. Und siehe da, Interviewpartnerin Sarah Rudolph schrieb Ihre Bachelorarbeit über das Web 2.0 und Soziale Bewegungen am Beispiel von Netzfeminismus. Da kann ich als verantwortungsvoller Redakteur nicht von einem unvoreingenommenen Standpunkt ausgehen und sollte die Aussagen des Gesprächspartners auf ideologisch gefärbte Vorurteile abklopfen.

Warum lädt Radio Fritz eine ausgesprochene Gegnerin der Unterstützer des Hashtags #GamerGate ein, ohne ihr einen Interviewpartner der anderen Seite gegenüber zu stellen? Warum nickt der Moderator alles, was seine Interviewpartnerin sagt, einfach ab, als seien es geprüfte Sachverhalte?

Sie sagt nämlich ein paar Dinge, die weniger beherrschte Charaktere als ich durchaus als „die Unwahrheit“ bezeichnen könnten. Zuerst eröffnet sie den Hörern, sie habe nirgendwo Diskussionen über Korruption im Journalismus gesehen, diese müssten sich schließlich, sollten sie tatsächlich existieren zwingend um Korruption von AAA-Publishern drehen. „Kleine Fische“ in der Indieszene seien statt dessen die Ziele, wegen ein paar Dollar auf Patreon würden sie angegriffen und natürlich, weil „Sex“ so ein toller Aufhänger sei. Die Dame kennt die Geschichte von der Ubi-Soft PR-Repräsentantin und dem Spielejournalisten wohl nicht, die #GamerGate aufgedeckt hat. Aber für sie seien das alles sowieso keine „echten ethischen Grauzonen“. Warum einen Ladendieb bestrafen, wenn es doch auch Bankräuber gibt, das Argument höre ich auch nicht zum ersten Mal. Wo hört das auf? Ein bisschen Korruption darf jeder? Wie viel genau?

Dann passiert etwas, das ich nicht erwartet habe: Trotz des Umstandes, das Ethik nie wirklich diskutiert worden ist haben wohl einige Spieleseiten in den USA beschlossen, ihre Vorschriften zur Offenlegung von persönlichen Beziehungen ihrer Redakteure zu verschärfen. Zum Beispiel im Bereich Patreon-Unterstützung. Wie sind die bloß darauf gekommen, wenn laut Frau Rudolph bei #GamerGate darüber doch nie diskutiert wurde, geschweige denn, das man gar Druck in diese Richtung gemacht hätte.

„Die Leute, die du genannt hast [Quinn, Wu, Sarkeesian] sind zum Teil bis heute nicht nach Hause zurückgekehrt.“

Und das wird auf einem gebührenfinanzierten Sender einfach mal so stehen gelassen. Die mythische Überhöhung, August never ends. Das grenzt an Lächerlichkeit. Diese Personen reisen, halten Vorträge, haben an #GamerGate jede Menge Geld verdient und sind alle in ihr Zuhause zurückgekehrt, so sie es denn überhaupt verlassen hatten. Der Moderator fragt aber nicht nach, wird schon stimmen, was diese nur leicht vorurteilsbehaftete Dame da erzählt. Genau wie die darauffolgende Bemerkung, manche dieser Menschen könnten sich in der Öffentlichkeit nur mit Sicherheitsbeamten bewegen. Es gab in einem Jahr nicht einen einzigen tätlichen Angriff oder auch nur den Versuch eines tätlichen Angriffs auf eine dieser vier Personen, der an die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Nicht einen. Wer in einer solchen Situation Sicherheitspersonal engagiert, braucht das für seinen Selbstwert und die Außenwirkung, nicht zum Schutz gegen Angriffe, da es für deren Wahrscheinlichkeit keine Indizien gibt..

„Das schlimmste, was wir als Öffentlichkeit tun können, ist es, sie nur in der Opferrolle zu sehen.“

Nachdem sie so lange daran gearbeitet haben sie zu perfektionieren? Listen and Believe (also: donate), schon vergessen, Sarah? Dann nennt Frau Rudolph das Angebot von „Crash Override Network“, dem angeblichen (seht ihr, RadioFritz, ich kann das auch) Anti-Harassment-Projekt von Quinn und ihrem Freund Alex Lifschitz, professionell. Obwohl niemand weiß, wer außer den beiden beteiligt ist, ob es dort ausgebildete Fachkräfte zu Betreuung der Hilfe suchenden Personen gibt oder ob außer der Website und den beiden Betreibern überhaupt eine weitere Struktur besteht. Ich kann auch das Gegenteil nicht beweisen, aber verschiedentlich aufgetauchte Beispiele, nach denen sie eher bereit sind, ideologisch kompatiblen oder „nützlichen“ Personen zu helfen und andere schon mal durchs Raster fallen zu lassen, stimmen mich eher skeptisch.

Die Frage ob GamerGate denn eine Gegenöffentlichkeit mit eigenen Seiten, Streams oder Videos aufgebaut habe, beantwortet Frau Rudolph mit einem Monolog über die Dokumentation „The Sarkeesian Effect„, die mit #GamerGate nicht mehr gemein hat als eine (eher geringe) Schnittmenge an Interessenten. Das Produzentenpaar, von mir gerne als „Zirkus Aurini“ bezeichnet, hat von Anfang an kaum jemand  im #GamerGate-Lager ernst genommen. Und das ist auch schon das einzige Beispiel, das ihr einfällt. Das es nicht nur Streams, Videos, Comics, Songs, Artikel und Treffen im RL gibt, sondern auch eine Liste von Websites mit ethischen Praktiken  (und nicht von Seiten, die #Gamergate unkritisch gegenüber stehen, Frau Rudolph), findet keine Erwähnung, hat wohl nicht ins Narrat… in die knapp bemessene Sendezeit gepasst.

WTF, RadioFritz?

Alles in allem die gleiche peinliche Vorstellung, die wir aus den deutschen Medien schon kennen. Wenn Dennis Kogel ein Feature über den FC Bayern macht, lädt er dann auch nur einen Dortmund-Ultra zum Gespräch ein? Warum wurde SPJAirplay nicht erwähnt, hat Kogel das einfach verschlafen oder hat es nicht ins gewünschte Bild gepasst? Wenn ich ehrlich sein soll, vermute ich letzteres. Mit Aussagen wie: „#GamerGate ist inzwischen wie r/Games in idiotisch“ hat er sich als Redakteur für ein so polarisierndes Thema eigentlich schon disqualifiziert. Da hilft es auch wenig, wenn er in vielen seiner Features Standpunkte einnimmt, die denen der #GamerGate-Opposition zum Verwechseln ähnlich sehen. Warum höre ich nie die Meinung eines #GamerGate-Befürworters in den deutschen Medien? Was ist aus den Grundsätzen der Berichterstattung geworden, wie sie der Pressekodex vorsieht? Fragen über Fragen.

Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.

Quelle: Presserat

 

 

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. Danke fürs Feedback, habe mich sehr amüsiert. Fritz frisst kleine Kinder ist <3

    • Nächstes Mal vielleicht nicht nur Freunde & Bekannte interviewen sondern evtl. auch Jemanden der Pro-#GamerGate eingestellt ist. Der checkt dann die Fakten für dich.

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