Freunde mit gewissen Privilegien

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache auf deepfreeze.it und wird hier mit freundlicher Genehmigung veröffentlicht.

Oft kann eine Erwähnung in einer Spielepublikation den Unterschied zwischen Erfolg und Unsichtbarkeit ausmachen. Das gilt besonders für Indie-Entwickler.

Viele Journalisten scheinen allerdings eine Empfehlung nicht von Verdiensten abhängig zum machen, sondern von Beziehungen. Seit dem August 2014 wurden immer mehr potentielle Interessenkonflikte aufgedeckt. Weil dabei immer wieder die gleichen Namen fielen, entstand der Eindruck eines systematischen Netzwerks von Vetternwirtschaft und Korruption in dem es für die Leute in den Cliquen der „richtigen“ Journalisten bevorzugten Zugang zur Spieleindustrie gab.

Freunde bei Kotaku

Mehreren der Autoren für Kotaku, Gawker Medias Spielewebsite, wurde vorgeworfen in unverhältnismäßigem Ausmass und voreingenommen über ihre Freunde berichtet zu haben.

Die umstrittene Kotaku-Autorin Patricia Hernandez hat mit ihrer guten Freundin Anna Anthropy zusammengewohnt und in sechs Artikeln positiv über sie berichtet. Vier der Artikel wurden nach dieser Periode des Zusammenlebens veröffentlicht und ursprünglich enthielt keiner der Artikel irgendeine Form der Offenlegung .

Außerdem hat Hernadez die Visual-Novel-Entwicklerin Christine Love gedated und zwei Artikel über ihr Spiel „Hate Plus“ geschrieben. Beide Artikel enthalten eine unverhältnismäßig große Anzahl von Links und Aufrufe, Loves Werke zu kaufen. Wieder erfolgte keine Offenlegung der Verhältnisse.

Hernandez hat auch zwei Kickstarter für die Veranstaltung „GaymerX“  beworben,  während sie offensichtlich mit dem Organisator, Toni Rocca, und einigen anderen GaymerX-Mitarbeitern befreundet war. Außerdem hat sie, ohne Offenlegung ihrer freundschaftlichen Beziehung, positiv über ihre Freunde David Gallant und Zoe Quinn geschrieben.

Der wohl bekannteste Interessenkonflikt bei Kotaku dreht sich um Gastautorin ZoeQuinn und Nathan Grayson. Grayson und Quinn sind schon lange befreundet und Grayson hat sie finanziell unterstützt, am Playtesting ihres Spiels Depression Quest mitgewirkt und wird in dessen Credits genannt – während er sowohl bei Kotaku als auch bei seinem vorherigen Arbeitgeber, Rock, Paper, Shotgun positiv über sie berichtete, ohne die Beziehungen offenzulegen. Im August 2014 geriet dieser Interessenkonflikt ins Visier der Öfffentlichkeit, als bekannt wurde, dass Quinn ihren damaligen Freund mit Grayson betrogen hatte.  Die folgende Zensur und die aggressiven Reaktionen auf den Skandal werden heute weitgehend als Zündfunke für eine noch immer andauernde Konsumentenrevolte gegen die Spielepresse gesehen.

Auch wenn dies der bekannteste Korruptionsfall um Nathan Grayson ist, ist es nicht der einzige. Er hat, unter anderem, ebenfalls ohne Offenlegung, über ehemalige Kollegen wie Robert Young und Porpentine geschrieben, sowie über Freunde wie die Minispiel-Entwicklerin Nina Freeman, Entwickler Deirdra Kay und Mitarbeiter des Mobile-Entwicklers White Whale Games. Mit einem Bericht über GaymerX – ohne seine Freundschaft mit OrganisatorToni Rocca offenzulegen – teilt er sich einen weiteren Interessenkonflikt mit Hernandez.

Graysons wohl gröbster Verstoß ist vielleicht seine Berichterstattung über seinen Freund, den Sound-Designer Robin Arnott, Entwickler des Oculus-Rift-Spiels Soundself. Arnott  erhielt durch Grayson unverhältnismäßig viel Öffentlichkeit, er tauchte in nicht weniger als sechs Artikeln in drei Monaten auf , so dass ein Großteil der Berichterstattung über Soundself von Kotaku kam.

Arnott weist auch eine Verbindung zu Quinn auf, mit der er ungefähr zu gleichen Zeit wie Grayson ein Verhältnis hatte. Er war der Vorsitzende des „Night Games“-Wettbewerbs beim Indiecade Festival an dem Quinns Spiel Depression Quest 2013 teilnahm.

Kotaku-Chefredaktuer Stephen Totilo hat zu einigen der hier vorgestellten Fälle Stellung bezogen.

Zuerst bezog er sich auf den Grayson-Quinn-Interessenkonflikt und stellte fest, es handele sich nicht um einen Bruch der journalistischen Ethik. Es sei keine Bewertung des Spiels vorgenommen worden und laut Grayson sei der betreffende Artikel vor seiner Affaire mit Quinn erschienen. Die Beweise dafür, dass Quinn und Grayson schon lange vor dem Artikel befreundet waren und unter anderem einen gemeinsamen Ausflug nach Las Vegas gemacht haben, erklärte er für nebensächlich.

Als immer mehr Interessenkonflikte aufgedeckt wurden und die GamerGate-Proteste eskalierten, nahm Totilo noch einmal Stellung. Er gab an, die große Menge von Aufmerksamkeit, die Love und Anthropy von Hernandez erfahren hätten, sei gerechtfertigt gewesen und Graysons Häufung von Hinweisen auf Arnott seien Zufälle. Er sei immer noch der Meinung, Graysons Beziehung zu Quinn stelle keinen Interessenkonflikt dar, räumte aber ein, das die fehlende Offenlegung in Hernandez Artikeln ein „Kuddelmuddel“ gewesen sei, verursacht durch Unerfahrenheit und Mangel an Kommunikation. Hernandez Artikel – auch solche, die nicht für Fehlverhalten kritisiert worden waren – wurden um eine Notiz mit einer zumindest teilweisen Offenlegung ergänzt, nur die GaymerX Artikel erhielten erst einen solchen Zusatz, nachdem der Interessenkonflikt aufgedeckt worden war.

Totilo erklärte, die Frage nach einer Entschuldigung sei „exzessiv“ und diene nur dazu, den Autor öffentlich vorzuführen. Er hat sich bisher nicht zu weiteren Vorwürfen der Vetternwirtschaft geäußert, die in der Folgezeit aufgetaucht sind.

Freunde überall

Nicht nur bei Kotaku gibt es den Verdacht auf Vetternwirtschaft. Presse-Heldin Zoe Quinn war, wie Grayson, neben ihrem bekanntesten Fall in eine Menge andere Interessenkonflikte verwickelt

Einer davon betrifft Jenn Frank: Sie schrieb gleich nach dem Skandal einen Artikel, der Quinn als das Opfer darstellte, ohne offenzulegen, dass sie sowohl Quinn als auch deren Agentin Maya Kramer über Patreon finanziell unterstützte. Nach der heftigen Reaktion sagte sie, sie würde, wie Quinn, angegriffen, dabei habe ihr finanzieller Beitrag doch nur fünfzehn Dollar betragen – bequemerweise vergessend, das sie auch Quinns Hotelrechnung für das GDC-Festival übernommen hatterund 1000 Dollar.

Johnathan Holmes von Destructoid hatte keine finanziellen, sondern eher persönliche Verbindungen zu Quinn, während er drei Mal über sie schrieb. Nach der Kickstarter-Kampagne für seine Web-Serie „Sup, Holmes?“ schrieb er positive Berichte über sechs Personen, die ihn finanziell unterstützt hatten. Er gab an, er habe nicht gewusst, dass diese Personen Backer waren, obwohl er in der Öffentlichkeit Gespräche mit den Unterstützern zum Thema Kickstarter-Belohnungen geführt hatte, in  einem Fall nur zwei Wochen vor dem Artikel.

Ben Kuchera von Polygon schrieb ebenfalls wohlwollend über Quinn, nachdem diese öffentlich über angebliche Hetze gegen sich gesprochen hatte, während er sie gleichzeitig finanziell unterstützte. Kurz nach dem diese Tatsache ans Licht kam, änderte Polygon seine ethischen Richtlinien und eine Notiz wurde dem Artikel hinzugefügt – anders als bei Kucheras Artikel über Sportfriends, das er ebenfalls mit Geld unterstützte.

Sportfriends stammt von Die Gute Fabrik, die ebenfalls der Gegenstand in einem Interessenkonflikt von Brendan Boyer waren, dem Direktor des Indie Game Festivals. Nachdem Boyer in einem Interview mit dem auf einer schwarzen Liste gelandeten Journalisten Allistair Pinsof beschuldigt wurde, Interessenkonflikte zu verbergen, fanden anonyme Wühler im Internet fünf weitere Interessenkonflikte in einer einzigen Top20-Liste von Boyer. Darunter waren Douglas Wilson von Die Gute Fabrik, den er sich mit Ben Kuchera teilt und Nina Freeman, die auch auf Graysons Liste steht. Grayson hat außerdem über ein von Boyer organisiertes Event geschrieben ohne ihre finanziellen Verbindungen offenzulegen.


Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache auf deepfreeze.it, einer Seite, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die ethischen Verfehlungen im Spielejournalismus zu katalogisieren. Oder wie es Dennis Kogel von Radio Fritz in den Kommentaren zu seiner letzten Sendung ausdrückt:

„Deepfreeze ist bekannt und kann nicht ernst genommen werden. Die „Korruption“, die dort angeblich festgehalten wird, ist keine“

Das entscheidest glücklicherweise nicht du, Dennis.

gamergateblog.de dankt @bonegolem und dem Team von deepfreeze.it für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung.

Den zweiten und letzten Teil dieses Artikels finden Sie hier.

 

Grafik: deepfreeze.it

 

 

 

 

 

 

 

 

1 Kommentar

  1. Und das ist ja nur ein kleiner Auschnitt, der größere Brocken ist ja, das Titel größere Publisher regelmäßig Spitzenwertungen kassieren, das rein zufälllig massiv Werbung von diesen Publisher auf den Seiten geschaltet wird.

    Nicht nur in den letzten Jahren gibt es eine massive Spanne zwischen Rezensionen und Spielerwertungen gibt. Von den glorifizierten Konvertierungen von Konsole zu PC ganz zu schweigen.

    Deswegen wahrscheinlich auch das dröhnende Schweigen aus der Industrie, selbst nachdem ihre Hauptgeldquelle angefeindet wird.

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