Gamedropping mit dem Hofreiter Toni

Gestern habe ich den Hofreiter Toni bei „Hart aber Fair“ mit Frank Plasberg gesehen. Zum Thema „Genderdebatte “ wurde dort eine Art Nachbereitung der Folge aus dem März versucht, die der WDR kurzfristig nach Beschwerden verschiedener Frauenorganisationen aus der Mediathek entfernt hatte, obwohl der Rundfunkrat keine Verstöße gegen Vorschriften feststellen konnte. Inzwischen ist der Beitrag wieder in der Mediathek verfügbar und Plasberg hatte gestern fast die gleiche Runde zu Gast, die schon in der ursprünglichen Sendung diskutiert hatte.

Die Positionen der beiden Lager waren von vorne herein klar, auf der Seite der Genderforschung waren Anne Wiezorek („Netzfeministin“), Sybille Mattfeld-Kloth (Frauenverband Niedersachsen, Bündnis90/ Die Grünen) und Dr. Anton Hofreiter (Bündnis 90/Die Grünen), die skeptische Position nahmen Birgit Kelle (Journalistin), Sophia Thomalla (Schauspielerin) und Wolfgang Kubicki (FDP) ein.

Die erste Wortmeldung von Hofreiter war erfreulich vernünftig, führte er doch aus, die Beschwerden gegen die Sendung vom März hätten doch nur zur Aufgabe gehabt, herauszufinden ob die Redaktion und der Moderator ihren Job vernünftig gemacht hätten. Leider legte er fortan bei seinen eigenen Äußerungen nicht soviel Wert auf gute Recherche und Wahrheitsgehalt. Wenn mir ein studierter Biologe ohne weitere Ausführungen zur Frage „biologisches Geschlecht oder kulturelles Konstrukt?“ ein „Ist es biologisch festgelegt? Nein, es ist kulturell!“ hinwirft, ohne auf die Vielschichtigkeit dieser Fragestellung einzugehen, kommen mir halt so meine Zweifel an seiner Glaubwürdigkeit.

Zweierlei Mass

Frauenverbandsvertreterin Mattfeld-Kloth, die sich in der Runde mit einfachen Verallgemeinerungen wie „Wenn der Mann sich eine Jüngere sucht, […] dann geht es für die Frau ab in Hartz IV“ hervor tat, wurde von Moderator Plasberg nach dem Grund für ihre Beschwerde gegen die Ampelmännchen-Sendung befragt und nannte die Auswahl der Gäste als Kernproblem, es habe unter den Eingeladenen Personen von mangelnder Kompetenz gegeben. Kurz darauf wurde sie deutlicher: Sie könne die Einladung von Sophia Thomalla nicht nachvollziehen, es habe sich wohl der eine oder die andere gefragt, wo da der Informationsgehalt sei, welchen Mehrwert ihre Teilnahme bringe. Vielleicht, sinnierte sie, sei Frau Thomalla ja wegen ihres Unterhaltungswertes eingeladen worden. Wahrscheinlich meinte Frau Mattfeld-Kloth eine Art Hintergrunddekoration oder „Eye-Candy“ (Hallo Anita!).

Für einen Moment konnte man in den Augen des Moderators sehen, dass ihn sowohl die Einordnung seiner Arbeit ins Unterhaltungsfach, als auch der kaum verhüllte persönliche Angriff auf einen seiner Gäste  überhaupt nicht gefiel. Birgit Kelle hatte den Mut, die Wahrheit auszusprechen: „Hätte das jetzt ein Mann gesagt, hätten wir den nächsten Sexismus-Skandal“. Gefragt, was sie von dieser Art des Umgangs mit Gesprächspartnern halte, fiel Wiezorek nur ein, das sie die mangelnde Kompetenz von Frau Thomalla schon in der letzten Sendung beanstandet habe. Dann stellte Plasberg Hofreiter die gleiche Frage, und gab ihm einen deutlichen Hinweis indem er fragte, wie er sich fühle, wenn Gäste in ihrer Persönlichkeit bewertet würden, wenn es doch eigentlich um deren Position gehe. Aber anstatt sich über die sexistischen Vorurteile und die „Charakter-Assassination“ (Wörtlich „Attentat auf den Charakter“, ein Ausdruck für das Vorgehen, das der Moderator beschrieben hatte und das sich in „progressiven“ Kreisen höchster Beliebtheit erfreut) in den Worten von Frau Mattfeld-Kloth zu beschweren, griff er auf „Gamedropping“ zurück, eine neumodische, eigentlich eher in journalistischen Kreisen beliebte Praktik, bei der #GamerGate zur Verstärkung der eigenen Position erwähnt wird, obwohl es in der Diskussion um etwas vollkommen anderes geht.

„Das ist generell im Internet ein Effekt, das da, das sehr, sehr harsche, und… und Frau Wiezorek hat das ja auch dargestellt, zum Teil sexistische und sehr brutale Kritik geäußert wird, da gibt es noch viel, viel härtere Beispiele, sie können ja mal nachfragen was da zum Teil so bei Frauenrechtlerinnen ankommt, oder ein klassisches Beispiel war: Eine Spieleentwicklerin hat sich kritisch dazu geäußert, das in manchen Spielen Frauen, selber in der Spieleentwicklung, sehr stereotyp dargestellt worden sind. Der Effekt war, das sie massivste Morddrohungen aus dem Internet bekommen hat, das da der Mob total getobt hat und am Ende musste die Frau unter Polizeischutz gestellt werden. Das ist ein generelles Phänomen, das wir feststellen. Und da gibt es, wie gesagt, völlige Entgleisungen, auch in anderen Fällen gibt es da völlige Entgleisungen und das ist ein echtes Problem, aber es ist kein Problem, das auf dieses Themenfeld reduziert ist.“

Quelle: ARD, „Hart aber Fair“ 07.09.2015

Lieber Anton Hofreiter

Wenn man zu einem Thema etwas sagen will, sollte man einige Dinge zur Diskussion mitbringen. Als erstes wäre da der Wille, auf die Fragen des Moderators zu antworten – meines Erachtens ging es Plasberg in seiner Frage nach der Debattenkultur nicht um die zuvor gezeigten Tweets und Facebook-Einträge über Frau Thomalla, sondern um die Behandlung, die selbige in ihrer Anwesenheit durch ihre Parteikollegin Mattfeld-Kloth erfahren musste. Also schon mal Thema verfehlt, aber ich möchte ihnen trotzdem etwas dazu in ihr Heft schreiben. Mit roter Tinte.

So sieht eine Bomarea aus / Bild: Mills (The Botanist), gemeinfrei

So sieht eine Bomarea aus / Bild: Mills (The Botanist), gemeinfrei

Wenn man keine Ahnung von einem Thema hat, sollte man vielleicht erst Mal recherchieren (ich weiß,  lieber Leser, ich höre mich an, als hätte meine Platte einen Sprung) oder vielleicht ein anderes Beispiel wählen. Ich würde in einer Diskussion mit Ihnen auch nicht behaupten die Bomarien (über die Herr Hofreiter promoviert hat) seien eine Art südamerkanischer Tannenbaum, nur weil ich irgendwo mal ein Bild von einem Tannenbaum in Peru gesehen habe. Bevor Sie also das nächste Mal über #GamerGate sprechen (auch wenn sie den Hashtag nicht erwähnt haben), sollten sie zumindest die grundlegenden Fakten drauf haben: Sie vermischen zwei Personen, die Spieleentwicklerin Zoe Quinn und die Kulturkritikerin Anita Sarkeesian, erstere stand in der Kritik, weil sie durch ihr Verhalten den Anschein erweckt hat, ihr damaliger Partner Nathan Grayson habe ihr in seiner Rolle als Spielejournalist Medienöffentlichkeit verschafft. Anita Sarkeesain fällt schon seit längerem durch ihre einfach gestrickten Theorien über Sexismus in Spielen auf, die sie aus einem Elfenbeinturm heraus unter das Volk bringt – keine Debatte, keine Diskussionen. Das die beiden beleidigt und bedroht wurden, widert mich genauso sehr an wie Sie, Herr Hofreiter. Aber „brutale Kritik“ bekommt jeder, der sich in irgendeiner Weise in der Öffentlichkeit engagiert, sei es als Schauspielerin wie Frau Thomalla, als Spieleentwicklerin oder als Politiker. Und „brutale und sexistische Kritik“ kann offenbar auch Frau Mattfeld-Kloth anbringen, ohne dass Sie sich daran stören würden.

Der medienträchtig für ein Special auf ABC zur Schau gestellte Polizeischutz von Frau Sarkeesian fällt wohl eher in die Kategorie „Aufmerksamkeit erregen“, denn wer sich auf YouTube betätigt, wird leider mit solchen Drohungen regelrecht bombardiert, wenn er eine gewisse Aufmerksamkeitsschwelle überschreitet. YouTube-Persönlickeit TotalBiscuit (über 2 Millionen Abonnenten) schreibt dazu am 15.Oktober 2014 in einem twitlonger:

„Was tun wenn du eine Morddrohung über Twitter oder per Email erhälst? Ich habe einen Ratschlag für dich. Ich gebe diesen Rat aus der Perspektive von jemandem, der jeden Monat Morddrohungen verschiedener Bedrohungsgrade erhält und bisher nicht gestorben ist. Dummerweise beinhaltet jede Art von Onlinepräsenz auch die Möglichkeit das irgendjemand eine Dummheit macht. Es kann dafür alle möglichen Gründe geben, egal wie harmlos sie scheinen mögen. Es muss nicht einmal einen Grund geben. Online verhalten sich Menschen auf eine Art und Weise, die sie sich im realen Leben nie trauen würden, die Gründe warum genau das so ist sind noch nicht vollständig geklärt. Wir [TB und seine Frau] haben auf jeden Fall eine Sache nicht gemacht.“

„Geh nicht mit der Drohung an die Öffentlichkeit! Diesen Rat geben die Kriminalbehörden aus mehreren Gründen. Die Drohung öffentlich zu machen hat eigentlich keine Vorteile. Die Leute online können dich bei einer echten Drohung nicht schützen, deshalb macht es auch keinen Sinn, ihnen davon zu erzählen. Ist es eine echte Drohung, nimmst du sie durch die Veröffentlichung deutlich sichtbar zur Kenntnis und schenkst dadurch der Person, die die Drohung geschickt hat, einen Sieg. Kommt die Drohung von einem dummen Troll, schenkst du auch ihm den Sieg, weil du ihm Aufmerksamkeit geschenkt hast. Der einzig verlässliche Weg, online mit unangenehmen Leuten umzugehen, ist ihnen die Aufmerksamkeit zu verweigern, nach der sie sich so sehnen und ihnen so die Luft zum Atmen zu nehmen.“

Quelle: TotalBiscuit

Es ist keine schöne Wahrheit, aber sie ist nicht wegzudiskutieren: Im Internet gibt es jede Menge Arschlöcher. Man kann nur entscheiden, wie man mit deren Erzeugnissen umgeht: Man kann die Polizei verständigen und sich ruhig verhalten, oder man kann mit immer neuen Berichten über Drohungen und Beleidigungen den eigenen Namen in den Medien halten. Das ist – völlig unabhängig vom Geschlecht – die Entscheidung jedes Einzelnen. Und das sollte man wissen, bevor man von einem „tobenden Mob“ spricht, Herr Hofreiter.

Das ein Politiker mit überregionaler Bedeutung seine Meinung unverdaut aus den Medien bezieht, habe ich zwar befürchtet, aber es stimmt mich trotzdem traurig. Weil Sie #GamerGate falsch dargestellt haben, gibt es für die Krümelsucher auf Wikipedia wieder eine „zuverlässige Quelle“ mehr in Deutschland, die #GamerGate, wenn auch indirekt, als wütenden Mob, als Frauenhasser, als Hassgruppe dargestellt hat. Alles nur, weil Sie nicht bereit waren, etwas über eine Konsumentenrevolte zu erfahren, bevor Sie diese im Fernsehen zur besten Sendezeit als Skelett aus der antifeministischen Geisterbahn missbrauchen. So werden Bündnis 90/ Die Grünen sicher nicht beliebter bei antiautoritär denkenden Menschen, im Gegenteil, sie werden sich ein Stück mehr in die Ecke mit den Vorschriften und den Denkverboten bewegt haben, in welcher die Partei seit dem Rechtsruck in den Neunzigern sowieso schon steht.

Leider blieben in der Sendung auch ohne weiteres „Gamedropping“ die wichtigen Fragen unbeantwortet, so haben leider weder Frau Wiezorek noch Frau Mattfeld-Kloth eine zufriedenstellende Antwort auf die Frage von Birgit Kelle gegeben, wer die Feministinnen ermächtigt habe, in der Frage „Geschlecht: biologisch oder kulturell?“ die richtige Antwort zu bestimmen. Getröstet haben mich wie so oft die Kommentare der Leute vor den Fernsehgeräten, stellvertretend möchte ich einen Nutzer des „Hart aber Fair“-Gästebuchs zitieren, der meine Meinung zum Thema eloquent auf den Punkt bringt:

Liebe Gender-Ideologen, ihr dürft gerne versuchen, Menschen zu überzeugen. Aber bitte hört auf, dies zu erzwingen, indem ihr versucht Sprache von oben zu ändern oder Ideologien in Gesetze zu gießen, die keiner demokratischen Mehrheit entsprechen.

Zuschauer Simon Jentzsch im Gästebuch zur Sendung (Quelle: ARD)

Nehmen Sie sich das mal zu Herzen, Herr Hofreiter. Und wenn Sie etwas über Konsumentenrevolten im Internet wissen wollen – Sie wissen ja jetzt, wo Sie mich finden.

 


Link zur Bildlizenz (Titelbild)

 

 

 

 

2 Kommentare

  1. „…und Frau Wiezorek hat das ja auch dargestellt, zum Teil sexistische und sehr brutale Kritik geäußert wird, da gibt es noch viel, viel härtere Beispiele, sie können ja mal nachfragen was da zum Teil so bei Frauenrechtlerinnen ankommt, oder ein klassisches Beispiel war:…“

    Jo, hätte man machen können… Intelligenter wäre gewesen Frau Wiezorek mal zu fragen warum sie selbst sich über Drohungen aus dem Internet (und auch ganz normale Ablehnung ihrer Thesen) aufregt, während sie doch selbst hier gerne mitmischt:

    So twitterte Wiezorek frisch fromm fröhlich frei darüber dass eine Apotheke in ihrem „Kiez“, die keine Pille danach verkauft, mal eben von ein paar netten Feministinnen am Frauenkampftag verwüstet wurde…

    Hierzu (Nicht mein Blog):
    http://man-tau.blogspot.fr/2014/03/wie-man-grundrechte-schutzt-indem-man.html

    Oder auch dass sie selbst gerne mal nen Headbut verteilen würde:
    https://twitter.com/marthadear/status/295834899401814016

    Besonders ersteres wäre von einem Wiezorek Kritiker als Heatespeach hochgejazzt worden, selbst wenn es nur als Drohung ausgesprochen worden wäre. Merke, Gewalt ist was die bösen bösen bei Gamergate den lieben und guten Feministinnen wie Wiezorek antun, umgekehrt geht es darum das böse böse Patriarchat zu bekämpfen, weil Menschen wie Wiezorek ja soooooo unterdrückt sind und sooooooo diskriminiert werden wenn sie sich in einer Stadt wie Berlin eine andere Apotheke suchen müssen… Hier hört dann der Schutz der Meinungs- und Gewissensfreiheit für Wiezorek und Hofreiter auf…

    Deshalb, böse Gamer die Hass sähen und Feministinnen nicht sofort unterstützt wenn denen ein Furz quer sitzt, dort dann die guten und reinen Feministinnen im Kampf gegen das böse und unterdrückende Patriarchat…

  2. Markus

    08/09/2015 at 17:51

    Danke für die Links, bei der Pille danach wusste ich nicht, ob ich Lachen oder Weinen soll!

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