Was haben diese Leute gegen Brüste?

Metal Gear Ernest

Obwohl es an Metal Gear Solid V einiges zu kritisieren gibt, darunter offenbar ein dem Schere zum Opfer gefallenes „echtes“ Ende, das nur für die Käufer einer Spezialedition verfügbar sein sollte (ist inzwischen natürlich im Netz gelandet, VORSICHT: Spoiler) , scheint sich die Kritik auf einen ungewöhnlichen Bereich zu konzentrieren: Den Oberkörper der Scharfschützin Quiet. Nachdem uns Polygon letzte Woche schon belehrt hat, dass Mad Max nicht mehr als fünf von zehn Punkten verdient, weil es nicht Imperator Furiosa heißt, wird jetzt die nächste Sexismus-Sau, pardon, das nächste genderneutrale Sexismus-Schweinx, durchs Dorf getrieben.

Neben einer Flut von Artikeln, in denen die weichen Brüste der Quiet-Action-Figur gefühlt dreimal so viel Raum einnehmen (kicher) wie Inhalt, der sich mit dem Spiel befasst, erreichen uns auch immer mehr persönliche Stellungnahmen zum Thema „Brüste“ von Leuten, die – nach eigener Aussage – nicht vorhaben, „irgendwem seine Spiele wegzunehmen“.

Den Anfang macht Ernest W. Adams, Grüder des Entwicklerverbands IGDA, der schon vor ein paar Tagen mit seinem Benehmen gegenüber der Entwicklerin Maya Posch unangenehm aufgefalllen  war. In einer Facebook-Konversation zur Ethik in der Spieleindustrie auf der Seite von Spieleentwickler und SPJ Airplay-Teilnehmer Derek Smart schlug ein Teilnehmer vor, jeden Menschen selbst entscheiden zu lassen, welche Darstellungen in den Medien für ihn angemessen sind und die anderen zu ignorieren – das konnte Adams, der niemandem seine Spiele wegnehmen will, so nicht stehen lassen:

 

Wisst ihr, ich erinnere mich an die 1970er, als schwarze Aktivisten dafür kämpften, das Image vom hüpfenden, springenden und grinsenden, Step tanzenden, „Ja, Massa“ sagenden Schwarzen in Film und Fernsehen loszuwerden. Sie haben drauf geschissen was die Zuschauer wollten, ihnen war die „Kreative Freiheit“ der Fernsehindustrie scheißegal. Das schwarze Menschen zur Unterhaltung von Weißen als Diener und Entertainer dargestellt wurden, machte sie krank, und sie hatten recht. Heute würde Hollywood nicht einmal zu träumen wagen, solchen Müll rauszubringen, obwohl es – wie ihr sehr genau wisst – da draußen immer noch Leute gibt, die es gerne so hätten.

Also, ja! Wir werden weiter rumschreien bis die letzte dumme Blondine mit Riesenbrüsten aus Spielen verschwunden ist, genau wie das einst so beliebte „Blackfacing“ und die „Tanzneger“ von Amerikas Bühnen verschwunden sind.

Versucht erst gar nicht, mir zu erklären, das diese Dinge verschieden sind. Wenn die Unterhaltungsbranche schwarze Menschen nicht mehr wie Scheiße behandeln darf, kann sie auch aufhören, Frauen wie Scheiße zu behandeln.

Quelle: Facebook

Quelle: Facebook

Wir sind von Ernest ja einiges gewohnt, aber so ein hinkender Vergleich macht ja selbst Quasimodo eifersüchtig. Netterweise hat er gleich den Hinweis eingebaut, dass die Tauglichkeit des Vergleichs für ihn kein zu diskutierendes Thema ist, eine beliebte Taktik der „Progressiven“: Sie erklären Teilaspekte ihrer Argumentation zum Sperrgebiet für Diskussionsteilnehmer, da sie genau wissen, wie fragil ihr Gedankengebäude an dieser Stelle ist – ein ähnliches Konzept namens „Glauben“ nutzen auch diverse Religionen, eine Verwandtschaft, die auch Maya Posch aufgefallen ist.

Und wie hält es Ernest W. Adams mit dem Selbstbestimmungsrecht der Frau? Wenn eine Frau mit überdurchschnittlich entwickelten sekundären Geschlechtsmerkmalen sich dafür entscheidet, mit ihrem Aussehen Karriere im Showgeschäft zu machen, darf ihr dann jemand Vorschriften machen? Würde sich diese Frau freuen, wenn Ernest W. Adams „so lange rumschreit“ bis sie, wie die „Tanzneger“ von den „Bühnen Amerikas“ oder wo auch immer „verbannt“ ist? Während australischen Behörden offenbar seit 2010 Vorschriften nutzen um Frauen mit zu kleinen Brüsten aus der Pornographie zu entfernen, nähert sich Adams dem „Problem“ von oben. Ich sehe eine düstere Zukunft vor mir, in der in den Unterhaltungsmedien nur noch ein bestimmter, genormter Brustgrößentoleranzbereich erlaubt ist, der von Vertretern der  australischen „E.W. Adams Stiftung“ (Motto: „Wir sehen uns den ganzen Tag Brüste an, damit ihr die zu großen oder kleinen nicht sehen müsst“) kontrolliert wird.

Richtig Sorgen macht mir, Spaß beiseite, die indirekte Verbindung zwischen der „kreativen Freiheit des Fernsehens“ und der Frage des Brustumfangs. Hier fängt nämlich dann doch das Territorium der Dinge an, die man anderen gerne wegnehmen würde, weil man sie für schädlich für die Betreffenden hält. Ich nutze Keulen wie diese nur ungern, aber wir hatten in den letzten hundert Jahren hier schon mehrmals den Versuch, den Leuten von oben herab zu erklären, was Kunst ist und was nicht. Hat nicht einmal funktioniert. Hatte immer betäubende Wirkung auf die Kultur. Aber was erwarte ich von einem Mann, der MMORPG-Entwicklern empfiehlt, Strafzahlungen für Spieler einzuführen, die gegen die Verhaltensregeln im Sprach-Chat verstoßen.

„Zahlen Sie eine Strafe von fünf Dollar wegen Verstoßes gegen das verbale Moralitätsstatut.“

mögliche Zukunft nach E.W. Adams

#FullMcIntosh

Nach soviel moralinsauren Vergleichen von Ernest haben sich meine geneigten Leser etwas Unterhaltung verdient. Dafür sorgt Jonathan McIntosh, der Mann der nicht hinter Feminist Frequency steht und nur ihr „Produzent“ ist und nach dem eine Form der extremen Verwirrung („FullMcIntosh“)benannt wurde.

Quelle: Twitter

Quelle: Twitter

Es handelt sich hier nicht nur um den Witz eines unreifen Jungen, so stellt sich Kojima auch die Charakterentwicklung für viele Frauen in seinen Spielen vor.

Jonathan „Josh“ McIntosh, „Produzent“

 

Eier à la Benedict. Sehen wie Brüste aus, wenn man am Teller wackelt. 

Hideo Kojima, Mastermind der Metal Gear -Reihe

Abgesehen davon, dass seine Schlussfolgerung Kojimas Inspirationsquellen betreffend offensichtlich an den Haaren herbeigezogen ist, möchte ich Jonathan folgendes (laut und mehrmals) sagen: Es ist NUR ein Witz Jonathan, auch wenn du das nicht glauben oder verstehen kannst. Auch wenn es hier in erster Linie um Jonathans Humorlosigkeit geht, sollte man nicht vergessen, dass ein solcher Witz und die Verbreitung desselben in den richtigen Kreisen durch Menschen wie McIntosh dafür sorgen kann, das ein Entwickler auf einer schwarzen Liste landet oder seinen Job verliert. Nicht das Hideo Kojima in Gefahr wäre, der genießt momentan wahrscheinlich zum ersten Mal seit Jahren seine Ruhe, aber für einen kleinen Entwickler ohne große Titel in der Vita kann ein Retweet von Josh (oder Megaphon-Chan, Leigh Alexander) das Ende bedeuten – keine Previews, keine Reviews und jede Menge rechtschaffen entrüstete intersektionale Feministinnen und Feministen in den Twitter-Mentions. Über welche Körperteile darf man denn noch Witze machen? Sollten Demagogen wie McIntosh Einfluss auf so viele Medienleute haben, nur weil sie eine, ebenso demagogische, Freundin mit einer Videoserie auf YouTube haben?

Es lohnt sich in Diesem Zusammenhang, mal einen Blick in die älteren Tweets von Josh zu werfen, genau so schlimm und stilbildend wie Frühstücksei-Sexismus sind nämlich auch die Darstellungen von Gewalt und Gore. Und auch hier soll man die Meinung konsumieren und nicht „defensiv“ werden, also nicht diskutieren, nicht argumentieren und schon gar nicht nach Beweisen für Theorien fragen.

joshdoom4

Quelle: Twitter

Quelle: Twitter

„Gamer freuen sich lauthals über die Darstellung von Verstümmelungen. Zur Hölle, das ist deprimierend. Willkommen in der Spieleindustrie“

„Wir haben gerade ein Auditorium voller Erwachsener gesehen, wie es gejubelt hat als Körper mit einer Kettensäge zerteilt wurden. Denkt da mal wirklich einen Moment drüber nach.“

„Denk darüber nach, ohne defensiv zu reagieren. Niemand will DOOM verbieten. Aber welche Nachricht über die Gaming-Community sendet das an die Welt?“

Ein schönes Spielebusiness haben Sie da, wir wollen Ihnen das auch nicht wegnehmen, aber wär‘ doch schade, wenn dem Sexismus- oder Gewaltvorwürfe zustoßen würden, oder? Wenn Sie versprechen, den ganzen Schmutz, der mich und meine Geschäftspartner so anekelt, zu entfernen, könnte ich ihnen einen Deal vorschlagen, den Sie nicht ablehnen können! Kennen Sie meine Freundin? Für ganz kleines Geld arbeitet die für Sie als Consultant und sorgt dafür, das Ihnen solche Fehler nicht mehr passieren. Machen Sie sich keine Sorgen über die uneinsichtige Konkurrenz, deren Läden werden halt den ein oder anderen „Unfall“ in den sozialen Medien haben. Sie müssen nur den Unfug mit der kreativen Freiheit sein lassen.

 

 

 

1 Kommentar

  1. Schön geschrieben, mußte mehr als einmal Lachen.
    Frage mich immer noch wer sowas überhaubt ernst nimmt.

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