Datum: 21/08/2015

Die Geheimnisse der „GameJournoPros“

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache auf deepfreeze.it und wird hier mit freundlicher Genehmigung veröffentlicht.

Ein große Zahl bekannter Spielejournalisten von konkurrierenden Publikationen haben in der Mailing-Liste „Game Journalism Professionals“ hinter verschlossenen Türen diskutiert.

Kurz bevor die Liste nach ihrer Entdeckung und der darauffolgenden Empörung aufgelöst wurde, zählte sie fast 150 Mitglieder. Die meisten davon Journalisten, ehemalige Journalisten oder Freelancer bei hoch gehandelten Publikationen wie Vox Media (Polygon und the Verge), Gawker (Kotaku), Gamasutra, Joystiq, IGN oder dem Besitzer von Reddit, Condé Nast (Ars Technica und Wired).

Auf der Liste fanden sich die Chefredakteure von fünf der größten Namen in den Spielemedien, der damalige Chairman des Indie Game Festivals, einige Mainstream-Journalisten und sogar ein paar PR-Mitarbeiter von Spiele-Publishern.

Während die Mitgliedschaft für sich alleine noch keinen Beweis für eine Verfehlung darstellt, gab es innerhalb der Gruppe doch einige verdächtige Vorgänge.

Gruppenzwang und Vetternwirtschaft

Die von Ars Technicas Senior Gaming Editor, Kyle Orland, gegründete Gruppe unterlag strikten Regeln zur Geheimhaltung. Der Gründer selbst gibt zu, von der umstrittenen Journo-List inspiriert worden zu sein, einer Mailing-Liste unter Mainstream-Journalisten, gegründet vom momentanen Vox-Chefredakteur. Als sie 2009 aufflog, verursachte das einen handfesten Skandal und beendete Karrieren.

Eine der einflussreichsten Stimmen in der Gruppe war Ben Kuchera, früher bei Ars Technica, heute bei Polygon. Kyle Orland stellt fest: „Ich würde ohne Ben Kucheras Empfehlung wohl nicht die Position bekleiden, in der ich heute bin“. Es gibt auch Vorwürfe, nach denen Kuchera selbst durch das Networking in der GameJournoPros-Gruppe in seine jetzige Position gekommen ist, da der Chefredakteur von Polygon, Chris Grant, ebenfalls ein Mitglied war.

Nach der Endtdeckung der GameJournoPros im September 2014 bestritten Orland und andere Mitglieder den Vorwurf der Absprache und behaupteten sogar, GameJournoPros sei ein wichtiges Hilfsmittel, um Rat und Hilfe in ethischen Fragen zu erhalten. Andere Mitglieder scheinen anders darüber zu denken, das ehemalige Mitglied Ryan Smith gibt an, dass „der informelle Druck, sich dem Gruppendenken zu unterwerfen“ sehr stark war. Als Smith das Gespräch mit Vertretern der damals noch jungen #GamerGate_Revolte suchte, wurde er von Mitgliedern der GameJournoPros beleidigt, auf Twitter geblockt und sogar seine Kollegen und Vorgesetzten wurden kontaktiert, um ihn mundtot zu machen.

Zensur

Im August 2014 wurde gegen das GameJournoPros-Mitglied Nathan Grayson (Kotaku) der Vorwurf erhoben, positiv voreingenommen über eine Spieleentwicklerin berichtet zu haben, mit der er eine sexuelle Beziehung hatte.

Kyle Orland rief einen GameJournoPros-Thread ins Leben, um dort zu debattieren, ob es besser sei, die Diskussion des Skandals selbst zu zensieren, oder ob die Mitglieder der Gruppe lieber kollektiv die Entwicklerin unterstützen sollten, deren Privatleben durch den Skandal in die Öffentlichkeit gerückt war.

Bald stand Greg Tito, der damalige Chefredakteur von the Escapist, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Er hatte um Rat gefragt, wie er mit der zivilen, stark reglementierten Diskussion in den Foren seiner Seite umgehen sollte, er wollte wissen, ob es besser sei, diese zu beenden. Viele Mitglieder setzten ihn unter Druck, die Diskussion zu unterbinden, darunter Graysons Kollege Jason Schreier, aber vor allem Ben Kuchera.

Kuchera, der die in den Skandal verstrickte Entwicklerin über Patreon finanzierte, hatte sie bereits ohne Offenlegung dieser Tatsache mit einer Veröffentlichung auf Polygon gefördert. Er vertrat klar die Meinung, die Diskussion müsse beendet werden, sonst mache sich the Escapist mitschuldig an den Belästigungen. Auf besorgte Nachfragen nannte er die Zensur eine „rein technische Angelegenheit“ und benahm sich peinlich, als Tito entschied, die Threads offen zu lassen.

In der Zwischenzeit wollten Orland und andere Journalisten die Entwicklerin unterstützen. Es gab eine Debatte, ob die Gruppe ihr einen Brief mit den Unterschriften der Mitglieder schicken sollte. Als einige Mitglieder darauf hinwiesen, das eine solche Aktion unangemessen wäre, wurde der Plan eingestampft. Selbst Jason Schreier merkte an, das „dieser Zwischenfall doch schon genug Fragen über das inzestuöse Verhältnis zwischen der Presse und den Entwicklern aufgeworfen hat“.

Im August 2015 gibt es immer noch eine Diskussion über Ehik in der Spielepresse, sie ist immer größer geworden und trägt den Namen „GamerGate“. In diesem Jahr wurden weitere Skandale aufgedeckt, unter anderem ein großes Netzwerk voreingenommener Veröffentlichungen über Freunde – bei Kotaku und anderen Publikationen – und die GameJournoPros selbst. Die Foren von the Escapist sind immer noch einer der wenigen Orte, die Diskussionen über diese Dinge zulassen während sie anderenorts streng zensiert werden.

Schwarze Listen

Der Destructoid-Journalist Allistair Pinsof deckte 2013 eine Täuschung auf der Crowdfunding-Website Indiegogo auf. Eine Indie-Entwicklerin hatte versucht ihre Geschlechtsumwandlung zu finanzieren, indem sie angab, es handele sich um einen lebenswichtigen Eingriff. Weil die Entwicklerin in diesem Zusammenhang als Transgender geoutet wurde, gab es heftige Reaktionen. Obwohl es wenige Unterstützer für diesen Kurs gab feuerte Destructoid-CEO Yanier „Niero“ Gonzalez Pinsof, selbst die Entwicklerein, bei der sich Pinsof in der Zwischenzeit entschuldigt hatte, konnte ihn nicht umstimmen.

Der Skandal flammte 2014 wieder auf, als Email-Leaks von Pinsof und den GameJournoPros auftauchten in denen es viele Hinweise auf fragwürdiges Verhalten des Destructoid-Managements gab.

Gonzales Behauptung, er habe Pinsof verboten, die Story zu veröffentlichen erwiesen sich als falsch. Außerdem hat er das Datum der Kündigung bewusst vage gehalten und versucht Pinsofs Kündigung mit Dingen zu rechtfertigen, die erst passiert waren, als Pinsof schon nicht mehr für Destructoid arbeitete. Zusätzlich hat er die Kündigung hinter den Kulissen mit den GameJournoPros diskutiert und gedroht, Pinsof in Verruf zu bringen, sollte er versuchen, sich öffentlich zu verteidigen.

Aber es kommt noch besser: Gleich nach dem Pinsof gefeuert worden war bat Chefredakteur Dale North Mitglieder der GameJournoPros-Gruppe ihm weder eine Anstellung noch eine Möglichkeit zu geben, seine Sicht der Dinge darzustellen. Und Pinsof wurde tatsächlich einfach ignoriert. Kurz nach dem Leak der Emails verließ North Destructoid. Er gab Meinungsverschiedenheiten mit dem Management als Grund an.

Ein anderer, neuerer Leak zeigt, das zwei Monate später noch jemand auf der schwarzen Liste der GameJournoPros landete. Diesmal war das Ziel eine Person aus der Unterhaltungsindustrie:  Kevin Dent.

Es war Patrick Klepek, damals bei GiantBomb, der vorschlug, die GameJournoPros sollten gemeinschaftlich aufhören, Dent zu zitieren. Er wurde dabei von mehreren Mitgliedern wie seinem Kollegen Alex Navarro unterstützt. Dieser sagte den GameJournoPros das „die gesamte Industrie besser dran wäre, wenn wir einfach vergessen das er [Dent] existiert“.

Dent – der vorher regelmäßig zitiert wurde – verschwand nach dieser Diskussion von den Webseiten der GameJournoPros.

Die GameJournoPros schien Klepeks Vorschlag nicht sonderlich zu überraschen und andere Leaks zeichnen ein Bild von einer Gruppe, in der es wohl als normal angesehen wurde, die Karriere eines Menschen wegen einer Meinungsverschiedenheit zu zerstören.

Im Mai 2014 hatte ein aufstrebender Spieleentwickler mit weniger als 30 Followern ein abweichende Meinung zu einem Artikel des niederländischen Spielepromoters und Gamasutra-Gastautors Rami Ismail. Dieser antwortete mit „Bullying“ und „dem Versuch einen Lynchmob aufzustellen“ (zufälligerweise in den Worten eines hier unbeteiligten Kevin Dent). Ismail kontaktierte sogar die Universität des Betreffenden, während sich Leigh Alexander in einem oft zitierten Tweet an der Attacke beteiligte. Sie drohte „ein Exempel“ an dem Entwickler „zu statuieren“ und warnte ihn „vorsichtig“ zu sein, wenn er einer Person mit ihrem Einfluss streiten wolle – in ihren Worten „ein Megaphon„.

Das diese Meinungsverschiedenheit ernste Folgen hatte, schien für Mitglieder der GameJournoPros auf der Hand zu liegen. Ben Kuchera kommentierte, er sehe dabei zu „wie jemand seine beginnende Karriere in den sozialen Netzwerken niederbrennt„, während im Thread der Mailing-Liste Kommentare über diesen „Karriere-Selbstmord“ gemacht wurden, als sei das eine zu erwartende Konsequenz für eine abweichende Meinung.


 

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache auf deepfreeze.it, einer Seite, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, die ethischen Verfehlungen im Spielejournalismus zu katalogisieren.

gamergateblog.de dankt @bonegolem und dem Team von deepfreeze.it für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung dieser Übersetzung.

Grafik: deepfreeze.it

 

 

TotalBiscuit sagt lange fällige Dinge

F*** you, Extremists.

Nachdem er, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten einen Blick in die reddit-Kommentare zur aktuellen Episode des CoOptional-Podcast mit der Journalistin LauraKBuzz als Gast geworfen hatte, wandte sich der erfolgreiche YouTuber John Bain, besser bekannt als TotalBiscuit, in einem Soundcloud-Podcast an sein Publikum. Er sei „verdammt sauer“ und „zittere vor Wut“. Er werde Dinge sagen, die einige Leute nicht mögen würden, aber das sei ihm, gelinde gesagt, scheißegal, diese Leute würden ihn sowieso seit längerem krank machen.

Einige der Kommentare im betreffenden subreddit könne man als transphob bezeichnen. Bain sagte, er setze dieses Wort nicht leichtfertig ein, als jemand der selber schon so bezeichnet wurde, von Leuten die ihn nicht kennen und anderen, die dieses Wort wie eine Keule schwingen. Leider kämen diese Attacken, die er und die anderen Teilnehmer des Podcasts geschmacklos fanden, wohl aus seinem eigenen Publikum. „Es macht mich krank. Ich fühle mich zum Kotzen“, sagte der Entertainer, hörbar mitgenommen von den Geschehnissen.

„Diese Menschen müssen wissen, das sie nicht willkommen sind“ fuhr er fort, „Ich glaube nicht, das es auch nur entfernt eine politische Frage ist, das man Transgender-Personen wie menschliche Wesen  und mit Respekt behandeln sollte. Das ist Menschlichkeit. Das ist Anstand“. Er erwähnt in diesem Zusammenhang auch #GamerGate und macht klar, das er (im Gegensatz zu mir) keine Verquickung der Themenbereiche „Social Justice“ und „Ethik im Journalismus“ will. Er hält diese Verbindung für eine Ursache der hasserfüllten Attitüde der Kommentatoren (ich halte diese Dinge, leider, für untrennbar verbunden). Meine volle Zustimmung allerdings erhält seine Aussage, das moralische Integrität für ihn wichtiger ist als die Größe seines Publikums.

Ich brenne lieber mein eigenes Publikum nieder, als den bigotten Leuten auch nur einen Fußbreit Boden zu gewähren. Mit Freuden!

Er werde alles tun um Menschen, die andere, die mit ihm in Verbindung stehen, auf eine solche Weise angreifen aus den Reihen seiner Zuschauer zu tilgen. „Ich brauche euch nicht, ihr könnt euch, verfickt nochmal, verpissen! Geht weg!“ so der sonst so distinguierte gebürtige Brite. Das gelte besonders, wenn die Angriffe Menschen zum Ziel hätten, die „noch mehr Scheiße auf ihrem Teller haben als alle anderen“. Er wisse, dass das Konzept „Privileg“ dank der Extremisten online inzwischen ein wandelnder Witz sei. Extremisten von der Sorte, die bar jeder Ironie #killallmen twittern und behaupten Sexismus gegen Männer existiere ebenso wenig wie Rassismus gegen Weiße. Diese Extremisten seien bigott, sie hätten Vorurteile, sie seien engstirnig. Sie seien Bullies. Und trotzdem träfe es im Fall von Transgender-Personen voll zu, dass sie weniger privilegiert seien als andere. Diese Menschen kämpften für nichts mehr als ihren gerechten Platz innerhalb der Gesellschaft und in diesem Fall habe er kein Problem mit dem Kampf für eine gerechtere Gesellschaft.

Und er zieht eine interessante Verbindung: Sind es vielleicht gerade die Transphobie-Angriffe gegen ihn gewesen, die Menschen mit transphoben Tendenzen auf seinen Kanal aufmerksam gemacht haben? „Das ist wie, wenn dich jemand Rassist nennt und auf einmal mögen dich die Rassisten, weil sie denken jemand Gleichgesinntes vor sich zu haben. Das passiert, wenn du online „Stämme“ gründest. Das passiert wenn du die Extreme suchst. Das passiert wenn du dich wie ein Kult benimmst, Empörungskultur und das „Shaming“ online kombinierst“, so Bain weiter. Er rief seine Zuschauer auf, darüber zu reflektieren, ob im Umgang mit weniger privilegierten Menschen nicht deutlich mehr Rücksicht angebracht wäre. Es gehe nicht darum, sein „Privileg zu checken“, sondern darum,ein anständiges menschliches Wesen zu sein. Es gehe um Empathie, darum eine Transgender-Person zum Beispiel nicht für ihre Stimme zu kritisieren, ein Merkmal über das sie keinerlei Kontrolle habe. Jeder, der beim Gedanken an Vorgänge wie diese zumindest ein wenig Ärger verspüre, sei ihm willkommen. Für solche Menschen würde er sich bereitwillig in die Schlacht werfen, wie er es schon einige Male getan habe.

Lasst es mich extra deutlich sagen: Ich bin 100% für Transgender-Gleichberechtigung. Ich bin 100% dafür, menschliche Wesen wie menschliche Wesen zu behandeln. Einfacher kann ich es nicht sagen. Wir haben 2015 und wir sind kein Haufen Barbaren. Wer damit ein Problem hat: Der Ausgang ist links. Verschwindet. Jeder, der an den Kommentaren beteiligt war, sollte sich schämen.


 

Bis auf einen Unterschied in der strategischen Sichtweise auf #GamerGate kann ich TotalBiscuit nur 100% zustimmen. Die Moderaten auf beiden Seiten haben mehr gemeinsam, als die jeweiligen Extremisten sie glauben machen. Und wenn die Moderaten sich verständigen, fehlt den Extremen die Machtbasis. Und jeder Mensch hat Anrecht auf Respekt und Menschlichkeit. Auch ideologische Gegner.

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